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Stress - in Sieben-Jahresschritten

Werden wir nicht mehr fertig mit dieser Welt?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) prophezeit: Das häufigste Leiden der Menschen weltweit wird neben Herz-Kreislauferkrankung bald die Stressdepression sein. Die WHO stuft Stress als eine der größten Gefahren für das menschliche Wohlergehen ein. Unser biologisches Überlebenssystem wird nicht mehr fertig mit der Welt, in der wir leben. Europaweite Studien haben ergeben, dass rund die Hälfte aller Fehltage am Arbeitsplatz auf übermäßigen Stress zurückzuführen sind. Stress ist inzwischen ein ebenso großes Herzinfarktrisiko wie Rauchen.

In einer Umfrage nannten Menschen als Ursache ihrer lebensbedrohenden Erkrankung an erster Stelle Stress. Ärzte können dem nicht widersprechen. Sie kennen zwar maßgebliche Risikofaktoren,  die wahren Ursachen, die zu einem Herzinfarkt führen, sind auch ihnen nicht in jedem Falle hinreichend bekannt.

Was hat es nun aber mit diesem Stress auf sich, über den man so viel redet und in Wahrheit immer noch so wenig weiß. Professor Hans Selye, ein in Montreal lebender Österreicher, bot Mitte des vorigen Jahrhunderts durch die Veröffentlichung seiner wissenschaftlichen Arbeiten einen Einblick in seine damalige Stress-Forschung. Der „Vater des Stress“ definierte den Begriff Stress als Reaktionsmuster des menschlichen Organismus zur Anpassung an unterschiedliche Umwelteinflüsse physikalischer und psychosozialer Art. Er schuf den wissenschaftlichen Unterbau für die alte Erfahrungsregel: Untätigkeit schwächt, Übung stärkt, Überlastung schadet.

Selye sagte: „Stress lässt sich nicht vermeiden, er gibt dem Leben erst die eigentliche Würze. Ein Zuviel aber führt zu schädlichem Distress, dessen zerstörende Folgen oft Krebs, Erkrankungen der Herzkranzgefäße und viele andere Leiden in unserer technischen Welt sind.“ Wir brauchen also eine gewisse Portion Stress, um leistungsfähig zu sein. Immer vorausgesetzt, dass die Bilanz stimmt. Auf Anspannung muss Entspannung folgen, sonst führt der dauerhafte Energieverbrauch zur Erschöpfung.

Inwieweit der Organismus eines Menschen Reize verkraften kann, richtet sich nach seiner Fähigkeit zur Anpassung. Ein Kuss beispielsweise, der durchaus Stress erzeugt, führt kaum zu körperlicher Disharmonie. Im Gegenteil. Deshalb nannte Selye solche Reize auch Eustress, etwas, das den Menschen eher beflügelt.

Bei solchen äußeren oder inneren Reizen, ob nun wirklich Gefahr verheißend  oder einfach „schrecklich“ aufregend (wie der erste Kuss), läuft immer ein und derselbe Mechanismus beim Menschen ab: Blitzschnell wird eine Alarm- oder Notfallreaktion in Tätigkeit gesetzt: Die Nebennieren schütten Hormone aus, die zur blitzartigen Mobilmachung aller Körperreserven führen.. Die Blutzuckerwerte steigen, ebenso Puls, Blutdruck und Atemfrequenz. Andererseits werden die Verdauungsorgane schlagartig ruhig gestellt. Das ganze Regulationssystem ist darauf ausgerichtet, den Organismus in Hochform zu bringen, insbesondere Hirn und Muskeln.

Das war noch bei den Höhlenmenschen dringend notwenig, wenn sie bei drohenden Gefahren mit Kampf oder Flucht reagieren mussten. Das ist heute noch von Vorteil, wenn dabei eine natürliche Art von  „Doping“ den Körper beflügelt und zu Höchstleistungen verhilft. So könnte ein Sänger, Redner oder Sportler ohne einen Schuss Lampenfieber auch nicht die nötigen allerletzten Körperreserven mobilisieren. Der größte Sänger aller Zeiten, der Italiener Enrico Caruso, gestand einmal, dass er vor jedem noch so kleinen Auftritt mit einem „entsetzlichen Lampenfieber“ zu kämpfen hatte. Gerade dieses Lampenfieber verhalf ihm aber zu der unvergleichlichen Stimme.

 

Nachdem der Körper in Alarmbereitschaft versetzt wurde und auch das Bewusstsein die Gefahr erkannt hat, wird von den Nebennierenrinden das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet. Das bedeutet einerseits eine weitere Steigerung der Reaktionsfähigkeit, andererseits aber auch das Signal für den Rückzug, für das Ende der Mobilmachung. Wenn diese Bremse nicht gelingt, bleibt der Mensch in ständiger Anspannung und Alarmbereitschaft mit der Folge eines chronischen Bluthochdrucks mit all den bekannten Auswirkungen: Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall.

Hier liegt die große Gefahr, von der die Weltgesundheitsorganisation spricht: Der chronisch Gestresste trägt in seinem Körper eine Zeitbombe. Wer nicht gleich von ihr umgebracht wird, muss mit großen Einschränkungen im Alltag rechnen. Diese Menschen sind sehr viel anfälliger für Schnupfen und schwerwiegenden Infektionen. Da das Immunsystem andauernd Amok läuft, ist mit Allergien verschiedenster Art zu rechnen. Auch rheumatische Erkrankungen, Multiple-Sklerese-Schübe oder Muskelentzündung können Folgen von Stress sein. Statistiker haben errechnet, dass chronisch belastende Lebensverhältnisse schon die Lebenserwartung um mehrere Jahre reduzieren.

Auch bei geistiger Beanspruchung, bei der Arbeit am Schreibtisch zum Beispiel, wirkt ein gewisser Stress wie eine gute Tasse Kaffee. Allerdings nur ein „gewisser“, denn zu viel Stress (Distress) könnte das Gegenteil bewirken: eine Blockade im Gehirn.

Das einfachste und billigste Mittel zum Stressabbau ist die Bewegung. Sportliche Anstrengungen aller Art befreien Kopf und Körper vom inneren Druck. Schon nach 30 Minuten Joggen z. B. werden die körpereigenen Glückshormone freigesetzt. Man fühlt sich glücklich, ausgeglichen und selbstbewusst.

Wer ist nun aber vom Stress betroffen. Früher war Stress die typische Managerkrankheit. Heute wissen wir, dass nicht ein Zuviel an Arbeit und Verantwortung die größte Stressquelle ist, also kaum noch Manager in Frage kommen. Vielmehr sind es diejenigen, die nicht so etabliert sind und sicher im Sattel sitzen. Es sind Menschen, die Angst um den Arbeitsplatz haben, sich vor Verarmung fürchten, die Sorge haben, den Kindern nicht mehr das Nötige bieten zu können. Hinzu kommen oft noch Verdrängungswettkämpfe unter den Kollegen, Reibereien mit dem Ehepartner wegen Nichtigkeiten und vieles mehr. Das Schlimmste aber ist, all dem machtlos gegenüber zu stehen, auf die ganze Situation keinen Einfluss zu haben, das Gefühl, nicht mehr zu leben, sondern gelebt zu werden…

 

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Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

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