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Theater im Keller des Hotels

Rissen, 24. Juli 2015 – 14.11 Uhr

Heute ist wieder einmal Freitag. Es ist unfassbar, wie schnell eine Woche vorüber ist. Da muss man sich in meinem Alter schon Sorgen machen. Muss man? Man muss. Zwar lebe ich brav nach dem Vorsatz „Carpe diem“ (Nutze den Tag!), aber was ich da an Stunden nutze, reicht hinten und vorn nicht. Nach schnödem Einkauf und popeligem Saubermachen, dauert es manchmal Stunden, bis ich in die faszinierende Welt meiner Figuren eingetaucht bin. Schreiben ist ja nicht wie Rasenmähen oder Essen kochen. Und  mit diesen Tätigkeiten bin ich hinreichend vertraut.

Mein väterlicher Freund und Autor Walter aus Brüssel, der mich in die Schriftstellerei eingeführt hatte, gestand mir einmal: „Ich beschäftige mich lieber mit meinen Romanfiguren, als mit den Menschen um mich herum.“ Na, du bist mir ja einer…, dachte ich damals nur. Heute kann ich ihn ganz gut verstehen. Es ist eine Sucht, die Schmerzen bereitet. Ich kann meinen großen Vorbildern nur beipflichten, wenn sie sagen: „Schreiben ist eine große Quälerei!“ Lessing meinte sogar: „Die Schriftstellerei ist die widerwärtigste und abgeschmackteste Beschäftigung. Lass dich von mir warnen!“

Für Heinrich Böll bedeutete Schreiben ein ständiges Verwandeln und Wieder-Zusammensetzen. Das sei ein sehr komplizierter Vorgang, wo Bewusstes und Unbewusstes sich ständig mischen. Er nannte den Autor auch einen „geistigen Schauspieler“. Das hatte ich verstanden. Mir kamen diese Worte damals in Alanya in den Sinn, als es darum ging, eine Komödie in kürzester Zeit schreiben zu müssen. Helge, der Protagonist meines Stückes, beherrschte den Trick, sich durch Selbsthypnose dermaßen in die darzustellende Person hineinzuversetzen, dass er glaubte, diese selber zu sein.

 

Theater im Keller des Hotels

Wenn ich an meine Theaterzeit in Alanya zurückdenke, muss ich ein wenig ausholen. Alles hatte ja damit angefangen, dass der Dauerregen und meine Erkrankung Karen und mich zwangen, Ertans Hütte fluchtartig zu verlassen. Bevor wir eine Bleibe in Alanya fanden, bezogen wir im Hotel Riviera Quartier. Wir besuchten regelmäßig an Wochenenden Donalds Auftritte in diesem Hotel. Das war zunächst unsere einzige Abwechslung. Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, mich nach dem langen Krankenhausaufenthalt etwas mehr zu bewegen. Ich fragte nach dem Fitnessraum. Eine Mitarbeiterin des Hotels führte mich in den Keller. Was ich vorfand, begeisterte mich wenig. Der Raum war wohl recht groß und gut belüftet, die Fitness-Geräte aber hatten schon bessere Zeiten gesehen und schienen kaum noch funktionsfähig zu sein. Ich probierte ein paar Übungen an einem dieser Geräte. Es klemmte und quietschte nur. Schließlich gab ich auf.

Schon wollte ich den Raum verlassen, als ich sah, dass auf einem Podest eine große Anzahl von aufgestapelten Stühlen stand. Ich fragte das Personal. Ja, das sei früher mal ein Raum für Unterhaltung und Vorführungen gewesen. Und richtig. Unter den vielen Stühlen verbarg sich eine Bühne. Wahnsinn! Ich hatte einen Raum mit Bühne entdeckt. Hier könnte ich Theater spielen! Noch am selben Tag ging ich zum Geschäftsführer Mustafa, der zusammen mit seinen zwei Brüdern Eigentümer dieses Hotels war. Mustafa erwies sich leider als wenig flexibel. Veränderungen waren ihm ein Gräuel. Ich warf ihm vor, dass der Fitnessraum ein Witz sei, fragte ihn, ob er jemals einen Hotelgast an diesen Geräten habe schwitzen sehen.

„Das ist nicht entscheidend“, sagte Mustafa sehr ernst. „Wenn wir den Fitnessraum auflösen, verlieren wir möglicherweise den dritten Stern.“ Reichlich niedergeschlagen verließ ich sein Büro.

Am nächsten Abend war wieder Live-Musik im Speisesaal. Wie immer kam Donald in der Pause an unseren Tisch. Ich erzählte ihm von meinem Gespräch mit Mustafa. „Ja, ja, das ist Alanya“, sinnierte unser Freund. „Die Kunst ist klein, das Geld ist groß. Das wirst du, lieber Felix, auch noch erfahren. Da macht dieses Hotel keine Ausnahme…“

„Welche Ausnahme macht unser Hotel nicht?“ Die Stimme kam vom Nebentisch. Es war Mehmet, der Bruder von Mustafa, Miteigentümer des Hotels. Er hatte sehr langsam in gebrochenem Deutsch gesprochen. Donald antwortete ihm auf Türkisch, erzählte ihm von meinen Theaterplänen und meinem Gespräch mit seinem Bruder Mustafa. Mehmet steckte sich seelenruhig eine Zigarette an und lehnte sich nachdenklich zurück. Karen, Donald und ich sahen ihm gebannt zu. Keiner von uns wagte eine störende Bemerkung. Schließlich rückte Mehmet seinen Stuhl näher an unseren Tisch und sagte wieder in seinem langsamen Deutsch: „Das Problem ist einfach zu lösen. Der Raum ist groß genug für beides – Theater und Fitness. Problem yok!“ Dieses „Problem yok“ (Ein Problem gibt es nicht) hört man in der Türkei tausendfach. Es steht dafür: Dieses Problem gibt es zwar, wird aber von einem Türken wie ich einer bin, einfach ignoriert.

Ich warf noch ein, dass diese Geräte unbrauchbar seien… - „Problem yok!“, beendete er das Gespräch. Noch am selben Abend gewannen wir Donald für die Musik, die unserere noch zu schreibende Komödie den nötigen Pepp geben sollte. Ich genehmigte mir nur 14 Tage für das Schreiben des Stücks. Weitere 14 Tage sollten für die Proben reichen. Schon bald stand das Konzept fest. Ich ging von der zunächst noch schmucklosen kleinen Bühne im Keller des Hotels aus. Ich musste aus diesen wenigen Quadratmetern ein „Hotelzimmer“ machen. Die Bühne war also ein Zimmer im Hotel Riviera. So konnte ich schon mal alle Gags und Anekdoten unterbringen, die sich rund um dieses Hotel rankten. Und nun die Geschichte selbst: Der umschwärmte Schauspieler Helge Bendusi (in Anlehnung an meinen Namen) aus Hamburg flieht vor seiner Verlobten Vera und deren erpresserischen Heiratsplänen. Er braucht Zeit für sich selbst, da er sich für eine neue Rolle vorbereiten muss.

Sie folgt ihm durch halb Europa und landet wie er im Hotel Riviera von Alanya. Was beide nicht wissen: Eine glühende Verehrerin, die sich aus der Masse der Fan-Gruppe durch Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit hervorhebt, ist ebenfalls mitgereist, um ihrem Idol ganz nahe zu sein. Sie nähert sich ihm in allerlei Verkleidungen – mal als Schuhputzer, dann wieder als Putzfrau oder auch als Masseurin.

Dabei platzt sie gerade dann in sein Zimmer, wenn er seine Rolle probt. Helge probt aber nicht wie all seine anderen Kollegen. Er hat herausgefunden, dass man die darzustellende Figur besser verinnerlichen kann, wenn man eine Art Selbsthypnose voranstellt. So ist er ständig in Trance, und wenn es an seiner Tür klopft, spricht er die Eindringlinge so an, als seien sie seine Mitspieler auf der Bühne. Es war ein Stück voller Verwechslungen, Irrungen und Wirrungen. Für Türken ein besonderer Leckerbissen, weil sie hier sehen konnten, wie Deutsche das Land betrachten. Das Stück hieß ursprünglich „Eine Frau wie ein Erdbeben“. Gemeint war der weibliche Fan, der sich zum Schluss als Katharina zu erkennen gab. Nur die wenigsten Theaterbesucher erkannten sogleich, dass all diese aufdringlichen Störenfriede von Karan allein dargestellt wurden. Ganz zum Schluss erscheint „Vera“ (ebenfalls von Karen dargestellt), von der immer nur die Rede war, die aber niemand bis dahin zu Gesicht bekommen hatte.

 

Auch Donald hatten wir zu einer winzigen Rolle überreden können. Er machte zwar hauptsächlich die Musik zwischen den Akten mit Gitarre oder Keyboard (so die Sphärenklänge, wenn Helge in Selbsthypnose abdriftete), er hatte aber auch einen türkischen Tanz der Putzfrau und das  traurige Schuhputzer-Lied zu begleiten. Aber immer dann, wenn das Publikum überhaupt nicht damit rechnete, stand Donald mit einem Tablett auf der Bühne und sagte in seinem charmanten Deutsch: „Zimmerservice!“ Es folgte regelmäßig ein brüllendes Gelächter.

Wir spielten das Stück nun jeden Abend, außer natürlich an Wochenende, wenn Donald seine Hotel-Auftritte hatte. Unser Keller war inzwischen schön dekoriert, die Fitnessgeräte waren durch eine spanische Wand getrennt und außer Sicht. Über Besuchermangel mussten wir uns nicht beklagen. Theaterkarten fanden an der Rezeption reißenden Absatz. Gäste aus dem Hotel kamen jetzt schon mehrmals. Es folgten Urlauber aus anderen Hotels.

Und dann waren sogar richtig eingefleischte Fans dabei, die für uns unaufgefordert Reklame machten. Einmal konnten wir Mäuschen spielen. Unsere Parterre-Wohnung lag nur wenige Häuser neben dem Hotel Riviera. Aufgekratzte Touristen zogen oft grölend an unserem Schlafzimmerfenster vorbei. Oft musste ich mir die Ohren zuhalten. Bis Karen mich einmal anstieß und sagte: „Hör´ mal!“

 

„Das musst du gesehen haben, sage ich dir. Kalle, du machst dir in die Hose! Geil, sag ich dir. Da spielen nur zwei Personen, aber du denkst, das ist ein halbes Dutzend. Donald ist auch dabei, ich sag dir…“

Was der unbekannte Fan da draußen dem Kalle sonst noch sagen wollte, hätte ich gern gehört. Aber die Menschengruppe war schon vorüber. Ja, auch wir waren mit uns nicht unzufrieden. Nach der 50. Vorstellung waren wir schon so gut aufeinander eingespielt, dass alles leicht fiel. Wir waren nach der Vorstellung auch nicht mehr so kaputt, wie nach den ersten Aufführungen. Wir hatten durch das Theater viele interessante Menschen kennengelernt. Und Alanya war um eine Attraktion reicher geworden.

 

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Fernsehmoderator in einer Live-Show

Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

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