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Türkei - erste leidvolle Erfahrungen

Hamburg, 15. Januar 2015 – 19.30 Uhr

Ich denke mal: Hast du schon keine Mama mehr, dann habe wenigstens eine „Mamitschka“. Oh ja, die  habe ich. Gerade eben hat mir Larysa nach einem Telefonat mit ihr „innige Grüße und Küsse“ aus der fernen Ukraine ausgerichtet. Sie heißt Iryna, hat helle, wache Augen, volles Haar und eine zierliche Figur. Was sie nicht hat, sind ruhige Hände. Sie leidet unter einem ausgeprägten Essential-Tremor. Trotz ihrer 82 Jahre und schwachen Kniegelenke, hasst sie den Gehstock und will von einem Rollator schon gar nichts wissen. Sie entstammt einer uralten russischen Aristokraten-Familie. Ich nehme an, dass es ihr deshalb aus Gewohnheit total gegen den Strich geht, beim Essen auf Messer und Gabel zu verzichten, was uns angesichts der mächtigen Schüttelungen immer einen Schauer über den Rücken jagt.

Nun kommt sie schon mehrere Jahre für ein paar Wintermonate zu uns herüber und versetzt uns immer wieder durch ihre Lebensbejahung in Erstaunen. Sie sagt nicht viel, schweigt beim Essen völlig, aber wenn sie etwas sagt, ist es knochentrockener Humor. Sie tanzt uns manchmal etwas vor oder singt russische Evergreens. Eine ihrer besonderen Begabungen entfaltet Mamitschka, wenn sie in einem Zug fährt und aus dem Fenster schaut. Dann verdichtet sie Lebensweisheiten zu wohlklingenden Versen. Leider kann sie diese nicht aufschreiben – eben wegen der schüttelnden Hände. Gehen wir im Wald spazieren, dann umarmt sie schon mal liebevoll eine knorrige Eiche und bittet diese um eine kleine Energiespende. Und irgendwie haben wir den Eindruck, der Baumriese hat sich nicht lumpen lassen. Anschließend geht sie immer mit sehr forschem Schritt vor uns her.

Was wir von Mamitschka auch gelernt haben, ist dies: Macht dein Körper einmal Zicken, dann sprich mit ihm. Rede auch mit einzelnen Organen. Bei ihr ist es immer wieder die Bauchspeicheldrüse. Wenn diese sich mit stechenden Schmerzen meldet, dann setzt sie sich ruhig hin und sagt: „Na, du Gute? Ich denke, wir müssen reden.“

Nicht mit Organen reden, aber Menschen zu ihrem Nachteil überreden – das verstehen viele Türken meisterhaft.

 

Türkei – erste leidvolle Erfahrungen

 

Ich hatte versprochen, noch auf Karen näher einzugehen, einer Frau, die ich trotz aller Vorbehalte zu lieben begann. Schon kurze Zeit nach unserem Kennen lernen (wieder einmal durch Zeitungsanzeige), übernahm sie Rollen aus meinen Theaterproduktionen. Obwohl ihre Stimme nicht so viel hergab, bekam sie die Rolle der „Bella“ in dem Märchenmusical „Die Schöne und das Tier“, einem von mir für die Bühne geschriebenen Stück.

Dann wirkten wir noch in einer Produktion meines Freundes Jo mit, und zwar in dem Stück „Arsen und Spitzenhäubchen“ - ich versuchte mich in der Rolle des ewig genervten „Mortimer“, Karen spielte meine Braut. Es schien (auch im wirklichen Leben) alles zu passen - bis auf den Altersunterschied. Sie war satte zwei Jahrzehnte jünger als ich. Aber das sollte uns beide nicht weiter stören. Sie kehrte ihrem früheren Leben mit Disko und Partys den Rücken, ich wiederum war es ohnehin durch mein Theater gewohnt, mich immer wieder mit der Jugend zu messen. Also heirateten wir.

Die Idee, im eigenen Haus eine Praxis zu eröffnen, nahm jetzt konkrete Formen an. Die neue Praxis war ganz auf Bio-Facelifting zugeschnitten. Karen war neben ihrer Tätigkeit als Zahnarzthelferin regelmäßig in meiner Praxis assistierend tätig. Zu unseren ersten Patienten gehörte meine Schwester Christel.

Die gesamten Vorbereitungen und die Behandlung wurden in einem selbst gedrehten Film festgehalten. Diesen Film spulten wir mit Endlosschleife für unsere Patienten im Wartezimmer ab. Die Resonanz war erfreulich, sodass wir schon Schwierigkeiten wegen der fehlenden Parkplätze mit unseren Nachbarn bekamen. Doch schon nach knapp einem Jahr kam der große Tiefschlag.

Rinderwahn (BSE) war in England ausgebrochen. Würde die tückische Krankheit auch zu uns herüberschwappen? Vorsorglich warnte die BILD in großen Lettern: Vorsicht! Keine Frischzell-Injektionen aus dem Rind! Im Nu war meine Praxis leer. Zwar kamen die Präparate, die ich injizierte, aus den USA, aber das interessierte niemanden mehr.

Jetzt hatte ich endgültig die Nase voll. Ich hatte immer wieder in meinem Leben von vorne beginnen müssen oder wollen - jetzt aber wollte ich nicht mehr. Jedenfalls vorerst nicht. Um Abstand zu gewinnen, nahmen wir das Angebot an, das meine „bio-geliftete“ Schwester uns gemacht hatte: Wir machten Urlaub in ihrem Apartment an der türkischen Riviera, und zwar in Konakli, einem kleinen Ort wenige Kilometer von Alanya entfernt. Hier lebte ich mit meiner neu angetrauten Frau Karen. Hier machten wir nach einem zweiten Urlaub „Nägel mit Köpfen“ und blieben ganz dort. Nachdem uns die Residenz meiner großen Schwester nicht mehr zur Verfügung stand, zogen wir in  „Ertans Hütte“, wie wir das Sommerhaus des Türken Ertan nannten. Es war ein wenig altmodisch möbliert und eigentlich auch viel zu groß für uns beide. Wir nahmen es trotzdem, auch unter der ungewöhnlichen Bedingung, die Miete für ein Jahr im Voraus zahlen zu müssen. Der Strand war nur einen Steinwurf entfernt. Und für Karen gab es jede Menge zu tun. Sie hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, all die streunenden Katzen und Hunde vor dem Giftmord der Türken zu retten. Unsere Zufriedenheit währte nur bis zu jenem Winter, als  eine Folge von Ereignissen eintraf, die meinen Glauben an die Redlichkeit der Türken nachhaltig erschütterte. Karen musste von einem Tag zum anderen das „Retten“ von Vierbeinern einstellen, da zunächst ich selbst gerettet werden musste. Und das kam so:

Zunächst trat etwas ein, wofür auch die Türken nichts konnten. Es fing nämlich an zu regnen. Kein gewöhnlicher Regen. Dieser Regen war an Ausdauer nicht zu überbieten. Er hielt Tage an – Wochen, Monate… Ertans Hütte war von einem massiv gemauerten Wall umgeben. Wahrscheinlich wollte der Inhaber sich so unliebsame Eindringe vom Halse halten.  Für uns bedeutete das aber, dass wir eines Morgens erwachten und von Wasser umgeben waren. Wir lebten in einem riesigen „Swimmingpool“.  Wenn wir das Haus verlassen wollten, mussten wir uns provisorische „Brücken“ bauen, die natürlich nicht rutschfest waren, so dass wir oft bis zur Hüfte das eiskalte Wasser zu spüren bekamen. Jeden Abend nahmen wir dank der Solaranlage ein heißes Bad und hofften, die Katastrophe abwenden zu können.

Vergeblich. Der künstliche Swimmingpool hatte in kürzester Zeit das Haus dermaßen durchnässt, dass man geradezu das Wasser an den Wänden hoch kriechen sah. Wir schliefen unter unzähligen muffigen Decken und Teppichen, doch es nützte nichts. Wir zogen uns eine Erkältung zu, die immer gefährlichere Ausmaße annahm. Mich erwischte es ganz besonders. Mein Fieber stieg unaufhörlich, setzte sich im Gefahrenbereich fest und wollte nicht wieder fallen.

 

Ein Doktor musste her. Antibiotika musste her. Schon am nächsten Morgen suchte ich einen ortsansässigen Mediziner auf. In Konaklis Hauptstraße leuchtete ein riesiges Schild mit dem Versprechen:

24Stunden-Service. Wenn ich heute an diesen Arztbesuch zurückdenke, überkommt mich immer noch ein Gefühl von innerer Wut und Ohnmacht. Und das nicht nur gegen diesen so genannten Arzt oder besser: Arzt-Darsteller. Wenn ich heute noch den Kopf schüttele, dann meine ich auch meine abgrundtiefe Blödheit. Ich, nicht ganz unwissend auf medizinischem Gebiet, ich, im Sinne deutscher Tugenden und Disziplinen aufgewachsen und erzogen, ging natürlich davon aus, dass Antibiotika nur von einem approbierten Arzt verschrieben werden konnten – wie es sich in Deutschland so gehört. Das war die erste Fehleinschätzung. Die zweite war noch schlimmer und folgenschwerer: Ich ging ferner davon aus, dass Ärzte nur ihrem Gewissen folgen und ihren Patienten weder finanziellen noch gesundheitlichen Schaden zufügen dürfen. Wäre ich damals kein Türkei-Neuling gewesen, hätte ich die Gier in den Augen des „Doctors“ gesehen – oder wenigstens die Dollarzeichen in seinen Pupillen. So kann ich mich heute nur mit meiner damaligen Krankenschwäche herausreden, mit dem vom Fieber umnebelten Kopf, der nicht aufmuckte, als ich durch unzählige nicht eingeschaltete Diagnosegeräte (oder Attrappen) geschleust wurde, um die Rechnung in die Höhe zu treiben. Diese betrug dann auch über 500 Millionen Lira, mehr als eine Monatsmiete in Ertans Hütte. Ich zahlte mit einigem Stirnrunzeln und nicht ohne Gedanken an die nahende Heilung. Aber das war dann auch die dritte und letzte Fehleinschätzung. Nachdem der „Doctor“ das Bündel Geld eingestrichen hatte, reichte er mir zwei (!) Antibiotika-Tabletten mit der Versicherung, die würden vollauf ausreichen. Spätestens jetzt erkannte ich, dass ich einem kriminellen Geschäftemacher in die Hände gefallen war. Selbst durch meinen Fiebernebel hindurch wurde mir klar, dass dieser Mensch von seiner ärztlichen „Kunst“ nicht das Geringste verstand. Die Krankheit nahm dramatische Formen an. Ich musste sofort ins Krankenhaus, wo endlich das Nötige veranlasst wurde. Es war schon zu viel Zeit vergeudet worden. Erkenntnis: Viele niedergelassene Ärzte in der Türkei sind in erster Linie schlitzohrige Geschäftemacher.

 

Im nächsten Kapitel lesen Sie:

 

Die Pastorin aus Istanbul

 

Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

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