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Ringelwürmer und noch ganz andere liebe Kollegen

 

Borkum, 30. Mai 2015 – 16.35 Uhr

 

Ich bin wieder da! Wie vertraut mir alles ist, als wäre ich nie fortgewesen. Da ist der alte Leuchtturm unweit unserer Straße von damals. Und da der Tante-Emma-Laden, in dem ich Frau Schröder-Köpf (der Frau des Alt-Kanzlers) begegnet war. Auch in dem „Dschungel“, einem kleinen Wäldchen in Strandnähe, duftet es noch genauso herrlich wie damals. Ja, das ist Borkum. Wie gut, dass meine Frau hier einige Tage ihren Ärztekongress hat. Da kann ich ohne Zeitdruck in Erinnerungen schwelgen. Larysa ist zur Anmeldung in die Kongresshalle gegangen. Ich gehe am Strand spazieren. Unwillkürlich muss ich an den Umzugsstress denken, als wir vor ungefähr fünf Jahren von hier wegzogen.

Der mächtige Möbelwagen war schon wieder mit unserem ganzen Hab und Gut auf dem Rückweg zur Fähre. Wir wollten mit dem Pkw am nächsten Morgen nachkommen. Ich konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Warum musste ich schon wieder fort? Ich hatte doch so gute Freunde gewonnen, Lesungen abgehalten, mit Kindern eine Show aufgeführt, eine kleine Naturheilpraxis betrieben… Ja, ich hatte die Borkumer und ihre Insel liebgewonnen. Der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Also stand ich auf und begann zu schreiben:

 

Sie heißen Okke, Enno, Fokko oder Olde. Beim Gehen stemmen sie sich gewohnheitsmäßig gegen den Wind. Ihre Gesichter sind vom ständig wechselnden Wetter gezeichnet. Ihre hellen Augen aber sind wach, zumeist lauernd auf eine Gelegenheit, ihren unvergleichlichen Insulaner-Humor zu versprühen. Gemeint sind die Borkumer. Schon ihre Vorfahren, die auf dem bohnenförmigen Eiland in dürftigen Schilfhütten lebten, hatten es im Blut, ihre Besucher in Empfang zu nehmen. Allerdings waren es damals unliebsame Besucher, die vom Meer kamen. Deshalb wurden sie auch mit vorgehaltenen Forken begrüßt. Heute begrüßt der Borkumer seinen Gast mit Handschlag und holt ihn sogar vom Hafen ab. Da die Insel-Administration Benzindämpfe hasst, wird natürlich die Inselbahn benutzt. Auf einer Strecke von nur 7,4 Kilometern stellt diese die einzige zweigleisige Nebenbahn Deutschlands dar. Borkum ist eben anders. Der Insulaner weidet sich dann an den verblüfften, fast ängstlichen Blicken seines Gastes, wenn dieser im Hinausblicken feststellt, dass die Kleinbahn mitten in die Fußgängerzone fährt und anscheinend mit viel Tuten und Dampf eine Menschentraube zur Seite drängt.

Weshalb kommt man auf die größte ostfriesische Insel? Weil hier alles anders ist. Es wird nicht einmal der Versuch unternommen, mit dem „feineren“ Norderney oder gar mit Sylt zu konkurrieren.

Die 6000 Einwohner der Gemeinde sind stolz auf ihren 1850 verliehenen Titel „Nordseeheilbad“.

Sie fordern ihre Gäste auf, im Alten Leuchtturm zu heiraten, gehen mit ihnen per Hubschrauber in die Luft, um die Insel aus einer höheren Warte zu bewundern. Man besucht die Seehundbänke oder macht Wattwanderungen. Abends geht man in die „Seekiste“ oder in die „Kajüte“.  Oder wie wäre es mit einem Spaziergang durch den Dünenwald, von den Borkumern liebevoll „Dschungel“ genannt.

Hier trifft man Liebespärchen und manchmal auch den Bürgermeister.  Oder besser: die Bürgermeisterin. Borkum ist halt in jeder Hinsicht anders. Ich liebe einfach diese Insel...

 

Mit dem Umzug von Borkum nach Hamburg bekam mein Leben abermals ein neues Gesicht.

Wie damals, als ich zur Pharmaindustrie überwechselte und meine Naturheilpraxis in die fleißigen Hände meiner Assistentin gab.

 

Ringelwürmer und

noch ganz andere liebe Kollegen

 

Der Blutegel sollte mich auch noch in den nächsten Jahren beschäftigen. Aber ich hatte das Gefühl, in meiner Praxis an Grenzen zu stoßen, die ich unbedingt zu überwinden trachtete. Und da das Suchen - das ist jedenfalls meine Erfahrung - irgendwann einmal zum Ziel führt, eröffnete ich eines Tages meiner Assistentin, dass sie die Praxis ab sofort allein weiterführen müsse. Ich hatte mich nämlich entschlossen, in einem norddeutschen Pharmaunternehmen neue Aufgaben zu übernehmen. Und so kam es. Aus dem Selbständigen wurde wieder ein Angestellter. Allerdings mit dem doppelten Gehalt. Meine Aufgabe bestand darin, die Segnungen des Blutegels in alle Welt zu tragen.

Das setzte natürlich ein umfangreiches Studium der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse über dieses lebendige Arzneimittel aus der Familie der Ringelwürmer voraus. Ich besuchte Ärzte, Diskussionsrunden, Messen, Kongresse. Ich fühlte mich wieder in die Zeit als Bankkaufmann zurückversetzt, als alles unter dem Gesichtspunkt von Umsatz geschehen musste. Nach einer gewissen Zeit machte mir das Angst. Natürlich sah ich ein, dass man der Konkurrenz nicht so leicht das Feld überlassen durfte. Aber ihr gleich die Luft zum Atmen abschneiden? In unseren Schulungsstunden begeisterten sich die leitenden Professoren, weil ich für unsere Hirudin-Produkte immer witzige und zugleich philosophisch angehauchte Werbesprüche parat hatte. Umso mehr wunderte man sich, dass ausgerechnet mein Verbreitungsgebiet nicht den allerhöchsten Umsatz aufzuweisen hatte. Die Erklärung wusste nur ich. Tief in meinem Inneren passte mir nämlich die ganze Richtung nicht. Die heimliche Bestechung der Ärzte mit Traumreisen und luxuriösen Praxiseinrichtungen gegen wohlwollendes Rezeptieren  waren keine guten Argumente für das Produkt. Als ehemaliger Journalist juckte es in meinen Fingern. Sollte ich meine eigene Firma an den Pranger stellen? Ich begann Dienst nach Vorschrift zu machen und bat um die „einvernehmliche“ Kündigung. Die Praktiken der Pharmaunternehmen nahmen deswegen kein Ende. Im Gegenteil.

Ende der 80er Jahre ließen sich die Götter in Weiß besonders reich beschenken. Und das hat sich bis heute nur unzureichend geändert. Was mich betrifft, so war ich heilfroh, dass ich damit nichts mehr zu tun hatte. Schließlich hatte ich als Medizin-Journalist in früheren Jahren gerade diesen gierigen Ärzten gehörig auf die Finger geklopft.

Ich verkaufte meine Praxis in der Fußgängerzone an meine Assistentin und richtete mir eine neue Praxis im eigenen Hause ein. Aber bevor es dazu kam, musste ich zusehen, wie mein Leben auf privater Ebene eine radikale Wende nahm.

Meine gehörlose Ehefrau und ich hatten uns unbemerkt auseinander gelebt. Sie war kaum noch ein Wochenende zu Hause. Und eines Tages war sie ganz weg. Sie hatte sich zu einem Freund nach Berlin hingezogen gefühlt. Die drei Kinder hatten sich entschieden, bei mir zu bleiben. Nicht zuletzt aus praktischen Gründen, denn sie besuchten alle drei noch das Gymnasium.

Jetzt begann eine schwierige, aber auch interessante Zeit. Wir lebten fortan wie in einer Wohngemeinschaft - einer Kommune. Die Freiheit jedes Einzelnen wuchs, aber auch die Verantwortung für das Ganze. Ich hatte häufiger als früher die Kinder von der Schule abzuholen, sie zu den verschiedensten Veranstaltungen zu chauffieren. Ich hatte für sie zu kochen, zu putzen, zu waschen... Und am Abend? Meist waren dann meine Zöglinge ausgeflogen.

Dann verzog ich mich in eine dunkle Ecke unseres riesigen Wohnzimmers und grübelte. Abend für Abend. Das dauerte eine Weile. Dann aber brach es aus mir heraus. Urplötzlich und gewaltig.

„Du gehörst noch nicht zum alten Eisen“, erkannte ich. Ein Blick in den Spiegel suggerierte mir: Du hast sogar noch Chancen bei Frauen. Ich antwortete auf Kontaktannoncen, ging Hals über Kopf Affären ein, die ich kurzfristig wieder auflöste. Die Anhänglichkeit mancher Frauen, die ich in dieser Zeit kennen lernte, machte mich außerordentlich skeptisch. Machte vielleicht mein Porsche den ausschlaggebenden Eindruck auf sie und nicht ich selbst? Vorsichtshalber löste ich auch die letzte Verbindung - bis Karen kam. Darauf muss ich später noch näher eingehen...

Es ist nur am Rande erwähnenswert, dass ich  vorübergehend auch Geschäftsführer eines Vertriebsunternehmens war, einer Firma, die sich mit Gesundheitsartikeln in den Markt drängte. Das ganze Unternehmen stellte sich sehr schnell als Flop heraus. Die Kapitaldecke der Inhaber war viel zu dünn, um sich auf dem Markt behaupten zu können. Also verwirklichte ich meinen ursprünglichen Plan und richtete eine Praxis in meinem Hause außerhalb der Stadt ein. Die Kinder wurden nach und nach flügge, zogen aus und machten Platz für neue Aufgaben. Natürlich konnte ich nicht erwarten, dass  hier auf dem Lande der Zuspruch für den Heilpraktiker so groß war wie in der Stadt. Darum konzentrierte ich mich auf eine Therapie, die im weiten Umkreis kaum anzutreffen war: Bio-Facelifting. Das lief erstaunlich gut an. Jüngere und insbesondere ältere Damen ließen sich die Falten im Gesicht unterspritzen und erlangten schon nach ein paar Sitzungen ein jugendliches Aussehen.

Und noch eine Aktivität wurde forciert: mein Theater. Nachdem die Gebärdenbühne mit dem Weggang meiner gehörlosen Frau eingeschlafen war, drängte ich erneut auf die „Bretter der Welt“. Ich lernte Jo kennen, der in vielen Stadtteilen von Hamburg als Theaterpädagoge Volkshochschulkurse gab, aber auch ein eigenes Ensemble leitete.  Als ich zu dieser Gruppe stieß, wurde gerade ein neues Stück für die kommende Theatersaison ins Auge gefasst. Wir lasen Dario Fo´s „Das große Hohngelächter“, eine satirische Version der Brecht´schen Dreigroschen-Oper. Später gab ich dem Stück den neuen Titel „...und der Haifisch, der hat Flöhe“.

Nach vielen Umbesetzungen standen die Hauptrollen fest: Jo spielte den Mackie-Messer, ich den Gangsterkönig Jonathan Jeremiah Peachum. Meine Partnerin war eine Kabarettistin. Die Seemannsbraut Jenny spielte zeitweise meine Tochter Iris. Wir waren in den verschiedensten Hamburger Theatern - so im „Klecks“ oder „Monsun“ - oder auf Tournee zu sehen.

So ganz nebenbei etablierte sich im Süden Hamburgs mein eigenes Theater und bekam ein festes Domizil. Im Mehrzwecksaal eines altehrwürdigen Restaurants richtete ich das Felix-Theater ein. „Das jüngste Theater Hamburgs“ (BILD) wurde von allen namhaften Zeitungen und Rundfunkanstalten enthusiastisch begrüßt. Die A-Capella-Gruppe  „Justfour“ heizte zur Eröffnung mit Hits aus den 60er und 70er Jahren ein. Die damals noch weitgehend unbekannte Gruppe hatte in meinem Theater die Gelegenheit, erstmalig ihr volles Programm abzuspulen. Das sprach sich schnell herum und lockte junge Fans auch aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen in mein Theater. Die ersten Wochen waren mit „Just four“, dem Kabarettisten Monty Arnold, dem „Haifisch“ und dem Weihnachtsmärchen „Der gestiefelte Kater“ ausgebucht. Nach der letzten Weihnachtsvorstellung am 16. Dezember 1990 feierten wir mit dem gesamten „Kater-Ensemble“, mit Kollegen der „Haifisch“-Gruppe sowie Freunden und Verwandten meinen 50. Geburtstag. Ein ereignisreiches Jahr ging nicht nur für mich zu Ende. Man erinnere sich: In diesem Jahr wurde Deutschland zum dritten Mal Fußball-Weltmeister. Und nicht zu vergessen: Am 3. Oktober 1990 wurden wir wiedervereinigt.

 

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Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

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