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Die Pastorin aus Istanbul

Rissen, 8. Juli 2015 – 11.05 Uhr

Wir wollen unser Auto verkaufen. Eine Interessentin, die sich auf unsere Anzeige meldet, hat eine E-Mail-Adresse mit dem Landeskürzel „ru“, also Russland. Sofort läuten bei mir die Alarmglocken: Automafia!  Trickbetrug! Falschgeld! Und möglicherweise noch viel Schlimmeres. Larysa und ich malen uns haarsträubende Situationen aus. Eine davon ist die: Die Dame setzt sich für eine Probefahrt als Steuer, fährt uns an den entferntesten Rand des Klövensteen-Waldes, wo jeder Schrei ungehört verhallt. Dort hält sie an, bittet uns auszusteigen. Gleichzeitig brechen vermummte Russen aus den Büschen, überwältigen und fesseln uns. Dann setzen sie sich seelenruhig in unseren Wagen und brausen davon. Die noch schlimmere Variante wäre, dass sie uns zuvor den Schädel einschlagen. Ich muss zugeben, diese Phantasien habe eigentlich nur ich. Larysa ist der Meinung, man solle nur das Gute im Menschen sehen. Ihr russisch-orthodoxer Glaube hilft ihr dabei. Wenn ich da an die Istanbuler Pastorin denke, die während eines turbulenten Fluges jeden Glauben zu verlieren schien…

 

 

Die Pastorin aus Istanbul

Während ich in einem Krankenhaus in Alanya lag, zog Karen vorübergehend ins Hotel Riviera. Später suchten wir uns auch eine Wohnung in Alanya. Ich werde später noch auf das Hotel zurückkommen. Hier spielten wir einige Monate für Touristen und deutsche Einheimische sehr erfolgreich Theater.

Ich darf Brigitte nicht auslassen, wenn ich an meine Zeit in der Türkei zurückdenke. Es war etwa drei Monate nach dem großen Erdbeben südlich von Istanbul, also Mitte November 1999. Sie sprach mich in einem dieser Deutsch-Treffs von Alanya an. Ob ich ihr aus der Patsche helfen könne, begann sie ohne Umschweife. Ich erinnere mich noch genau an jenes Gespräch, sehe noch vor mir, wie wir unter einem Sonnenschutz unsere Getränke schlürften und unter der Hitze litten.

Brigitte mochte Mitte 50 sein, war groß und schlank und trug ihr blondes Haar kurz geschnitten. Ihre Augen signalisierten Entschlossenheit, aber auch Wärme. Von ihrer ganzen Person ging eine gewisse Eleganz aus. Sie war aus Istanbul gekommen, um hier in Alanya christliche Werte zu vermitteln. Sie war eine Kirchenfrau – Pastorin.

 

Offenbar hatte sie kurz zuvor meine Monatsbroschüre „Deutsches in Alanya“ gelesen. Sie nahm das Heftchen aus ihrer Handtasche und wies auf das Titelbild. Man sah darauf entsetzte Menschen, die sich am Strand um einen vergifteten Hund scharten. Ohne auf ihre Eingangsfrage weiter einzugehen, sagte sie: „Ganz schön mutig. Das hätte ein türkischer Reporter nicht gewagt.“ Ich hatte in diesem Artikel gegen das Auslegen von Gift am Strand gewettert. Damit hatte ich die Obrigkeit der Stadt kritisiert, die da glaubte, auf diese Art der „Hunde- und Katzenplage“ am Strand Herr zu werden.

Brigitte kam endlich zur Sache. Wie sie gehört habe, sei ich in Deutschland Redakteur und Reporter gewesen. Ob ich mir vorstellen könne, eine Istanbuler Monatsschrift als Chefredakteur zu gestalten. „Ich habe vielleicht eine Dummheit gemacht, als ich das Blatt von einem Türken übernahm, ohne wirklich Ahnung vom Zeitungsmachen zu haben“, sagte sie geradezu kleinlaut. Ich kannte das Blatt, das eine respektable Auflage hatte und deutsche Einheimische wie auch Touristen bediente. Ja, ich konnte mir vorstellen, für die Monatszeitung zu arbeiten. Aber ich zögerte auch. Das mir angebotene Honorar war verlockend, barg aber auch unabsehbare Gefahren. Ausländern war nämlich in der Türkei jede Tätigkeit gegen ein Entgelt untersagt.

Ich willigte trotzdem ein. Und da schon viel zu viel Zeit verstrichen war (das Blatt sollte eigentlich schon auf dem Markt sein), musste ich mich noch am selben Tag reisefertig machen. Unser Flieger startete am späten Abend von Antalya. Als die Türkish Airline abgehoben hatte, schoss uns abermals trotz Klimaanlage der Schweiß aus den Poren. Brigitte verbrauchte Unmengen von Erfrischungstüchern.

Wir unterhielten uns über das Erdbeben südöstlich von Istanbul, wo immer noch Chaos, Trauer und Verzweiflung herrschten. Das Beben war am 17. August ausgebrochen und hatte über 18.000 Tote gefordert. Fast 49.000 Menschen wurden verletzt.  Und als ob das Leid nicht schon ins Unerträgliche gestiegen war, schloss sich dem Beben noch in der Meeresbucht von Marmara ein Tsunami an. Ganze Straßenzüge versanken im Meer. Tagelang brannte eine Raffinerie. Die Städte Izmit, Valova und Gölcük, wo das Epizentrum war, wurden dem Erdboden gleich gemacht. Verzweifelt suchten Rettungsmannschaften und Angehörige mit bloßen Händen nach Verschütteten. Eigentlich noch heute – nach drei Monaten.

„Das ist nicht fair“, sagte Brigitte und wandte sich mir direkt zu: „Ist das fair?“ Ich antwortete nicht. Ich starrte wie gebannt durch das kleine Fenster und sah, dass wir in einer schwarzen Wolke schwebten. Fast gleichzeitig  gab es einen fürchterlichen Knall. Blitze erhellten  den Innenraum des Fliegers. Die Maschine machte einen Luftsprung, zitterte, trudelte und sackte ins Bodenlose. Brigitte hatte mit beiden Händen meinen bloßen Unterarm umfasst und ihre langen Fingernägel tief in mein Fleisch gekrallt. Ich konnte nicht schreien. Ich vernahm die Schreie der anderen Passagiere wie ein Außenstehender, der nichts damit zu tun hatte. Brigitte war mit ihrem Gesicht ganz nahe gekommen und schrie mir etwas ins Ohr. „Ist das das Ende, Felix?“ Sie wiederholte ihre Frage mehrmals, bis ich sie verstand. Ich schüttelte energisch den Kopf und gab ihr durch Zeichen zu verstehen, dass alles gut werde. Und es wurde gut. Ganz plötzlich war der Spuk vorbei. Ich sah, wie sich die Stewardessen von ihren Notsitzen losschnallten. Wir näherten uns Istanbul.

Ich hatte immer noch meine Vorbehalte, was diese neue Aufgabe betraf. Nun hatte ich nicht nur eine illegale Arbeit übernommen, ich war auch im Dienste einer christlichen Kirchengemeinde, die zwar geduldet war, aber unter ständiger Beobachtung der Regierung stand. Wie auch immer, ich hatte nicht die Zeit, über meine Situation nachzudenken. Das Blatt musste auf den Markt. Noch am selben Abend machte mich Brigitte mit Erdogan und Hassan bekannt. Erdogan arbeitete an einem uralten Apple-Computer, an dem die Seiten zusammengesetzt wurden. Hassan war „Mädchen für alles“. Mal tippte er, ohne nennenswerte Deutschkenntnisse, einen Artikel in den PC, dann wieder fuhr er hinaus zum Interviewen und Fotografieren. Beide waren mir sofort sympathisch.

„Und wo sind die anderen?“, fragte ich Brigitte. Die Pastorin schüttelte traurig den Kopf. Nachdem das ganze Redaktionsteam schon drei Monate ohne Honorar gearbeitet hatte, sei es zum großen Krach und zur fristlosen Kündigung der Redaktionsmitglieder gekommen.

„Ich bin froh, dass mir wenigstens Erdogan und Hassan geblieben sind“, sagte Brigitte. Ich war im Bilde. Das würde eine ganz haarige Angelegenheit werden. Als erstes erlöste ich Hassan von seiner wenig effektiven Tipparbeit mit den deutschen Texten. Ich schickte ihn nach Hause und ließ Brigitte übersetzen, dass er gleich am nächsten Morgen ins Erdbebengebiet fahren solle, um dort gute Bilder und Interviews zu machen. Brigitte übernahm es, die Manuskripte der ehemaligen Mitarbeiter in ein gutes Deutsch zu fassen und in den PC zu tippen. Mit Erdogan vereinbarte ich, dass ich diese Texte am Bildschirm redigieren und sie mit einem Stichwort versehen bestimmten Seiten zuordnen würde.  Damit sich Erdogan noch besser orientieren konnte, entwarf ich für jede Seite einen so genannten Spiegel (das Gesicht der einzelnen Seite) – mit Überschriften, Bildern, Kästen und Text. Erdogan hatte dann die Aufgabe, gemäß meinem Layout die einzelnen Seiten zusammenzubasteln.

 

Ich ließ mich gerade in den bequemen Sessel des Chefredakteurs nieder und wollte mir einen Überblick über die hinterlassenen Manuskripte verschaffen, als der Schreibtisch zu schweben begann. Die obere Schicht der Manuskripte rutschte nach links, die untere nach rechts. Brigitte schrie: „Schnell, unter den Schreibtisch!“  Ich sah, wie sich Brigitte und Erdogan in einen Türrahmen quetschten. Hassan, der noch nicht gegangen war, riss mich aus dem Sessel und schob mich unter den Schreibtisch. Mit einem leichten Grinsen, das mir unangebracht erschien, setzte er sich neben mich. In den Wänden knirschte es, Putz rieselte von der Decke. Es staubte fürchterlich. Wir verharrten noch einige Minuten. Dann gab es Entwarnung.

„Das was wieder eines dieser vielen Nachbeben“, kam Brigitte angelaufen. „Man kann sie kaum noch zählen.“ Hassan machte sich im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Staub. Die Arbeit ging nun wie am Schnürchen. Brigitte tippte wie ein Schnellfeuergewehr und sendete die fertigen Artikel immer sofort an meinen Computer. Ich redigierte, formatierte und zeichnete alles in meinen Satzspiegel ein. Dann schickte ich alles an Erdogans Computer. Bis ich Nachschub von Brigitte erhielt, brütete ich schon über den Aufmacher. Die erste Seite musste in besonderer Weise gestaltet werden. Mir schwebte da etwas vor. Ich besprach mich mit Erdogan. Ich hatte die Idee von einem diagonalen Riss durch die Seite. Erdogan verstand sofort, was ich meinte. Jetzt brauchten wir nur noch eindrucksvolle Bilder von Hassan für den freien Platz unterhalb des Risses und festlich-fröhliche Vorweihnachtsbilder für den Freiraum oberhalb des Risses. Wir arbeiteten noch bis kurz nach Mitternacht. Völlig erschöpft verschoben wir den Rest auf den nächsten Tag und verließen die Redaktion.

 

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Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

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