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Borkum,  25. Oktober 2007- 22.50 Uhr

Meine rote Brille, ein Designerstück aus den späten 80er Jahren, fiel zu Boden und zerbrach in zwei Teile. Das war gestern Abend, kurz bevor ich meine Frau Larysa in der Ukraine anrief. Der Verlust meiner einzigen Lesehilfe war insofern ärgerlich, als ich mir fest vorgenommen hatte, im Bett noch ein paar Seiten aus Siegfried Lenz´ „Deutschstunde“ zu lesen. Ein Buch, das ich immer mal wieder zur Hand nehme – wenigstens alle fünf Jahre.

 

 

Also schnappte ich mir das gute Stück, das jetzt aus zwei Teilen bestand, und versuchte eine Reparatur mit Klebeband. Das ging schief. Mal rutschte die linke Seite aus der Verklebung und ich sah mit dem rechten Auge scharf, dann wieder verschwand die rechte Hälfte irgendwo unter der Bettdecke und das linke Auge triumphierte. Ich rettete mir den Abend indem ich die Brille in ihren Bestandteilen beließ und mir auf SAT 1 Schalke gegen Chelsea anschaute. Dass Schalke auf der Verlierer-Straße war, regte mich nicht sonderlich auf.

 

Meine Gedanken trieben ohnehin immer wieder ab und beschäftigten sich – ausgerechnet an diesem Abend – mit meiner derzeitigen Lage. Ja, das taten sie. Sie stellten mit unerbittlicher Hartnäckigkeit all diese unangenehmen Fragen, denen ich seit unserem nunmehr sieben Monate währenden Aufenthalt auf Borkum mit Erfolg ausgewichen bin. Als Schalkes Nummer eins getunnelt wurde und so das erste Tor kassierte, fragte die aufsässige Stimme in mir: „Was tust du eigentlich hier?“ Ich bint hier, weil meine Frau endlich einen Job bekommen hat, verteidigte ich mich. Was du tust? Ach so. Willst du jetzt nur noch Hausmann sein? 

 

Wann hast du eigentlich zuletzt etwas geschrieben? Dein Roman, dein Kinderbuch – das liegt mehr als sieben Jahre zurück. Fällt dir denn gar nichts mehr ein? -  Keine Lust. Wenn du so gar keine Idee hast, dann bringe doch wenigstens etwas aus deinem Leben zu Papier. Irgendwas. – Keine Lust. Hast du denn alles vergessen? Du hast mindestens ein Dutzend Berufe ausgeübt, du hast deine Fähigkeiten immer bis an die Grenzen ausgereizt. Du hast in der Türkei kritisches Fernsehen gemacht und wurdest von der Gendarmerie verfolgt. Du hast das alles überstanden, einschließlich der drei Ehen – zumindest bis jetzt - mit ausgesprochen problematischen Frauen... - Keine Lust.

 

Zugegeben. Was da alles hinter mir liegt, ist schon ein paar Zeilen wert. Als Schüler träumte ich von einer Boxerkarriere. Jahre später wollte ich dann aber doch lieber Sänger werden. Ich hatte schließlich Unterricht bei den renommiertesten Hamburger Gesangslehrern, von Beruf war ich aber Bankkaufmann. Ich sah einer - wie ich glaubte - viel zu einseitig vorgezeichneten  Zukunft entgegen. Scheinbar hatte ich mich mit meinem Schicksal schon abgefunden. Doch wäre mir damals vergönnt gewesen, in die Zukunft zu sehen, hätte sich meine Grundstimmung unversehens erhellt.  Ich konnte mich später nämlich noch als Zeitungsredakteur,  Medizin-Journalist,  Heilpraktiker, Dozent, Theaterleiter, Fernsehmoderator und Buchautor entfalten.  War das Zufall oder Methode? Ich glaube, es war Methode, wenn auch zunächst ganz unbewusst, aber doch stur nach meinem Lebensmotto: Nutze deine Zeit, teste deine Grenzen und nimm jede interessante Herausforderung an!

 

Allerdings gehöre ich auch zu den Menschen, die gern etwas hinausschieben. Ja, mir fallen spontan immer gleich mehrere Gründe ein, warum es besser wäre, dieses zu vertagen, jenes zurückzustellen oder anderes ganz und gar auf Eis zu legen.

Als ich heute Morgen erwachte, war es mir, als hätte ich gestern Abend ein Versprechen abgegeben. Mehr noch. Ich hatte das Gefühl, das war so etwas wie ein Gelübde. Jedenfalls ging ich heute Morgen wie unter Zwang in die Drogerie und kaufte mir eine Lesebrille von der Stange. Was sollte ich machen. Versprochen ist versprochen.  Also werde ich schreiben.

Gleich heute. Heute ist ein Tag, sich zu erinnern. Es gibt auch keinen Grund anzunehmen, ein anderer Tag irgendwann in der Zukunft wäre besser dazu geeignet. Ein mehr hilfloser Vorwand, sich noch eine Weile von der Erinnerung fern zu halten, wäre die Behauptung, im Kopf „leer" zu sein. Dieser Zustand ist mir immerhin nicht fremd. Zu meiner Zeit als Journalist saß ich so manche Nacht in der Redaktion  vor einem leeren Blatt Papier, das ich zuvor in übertriebener Langsamkeit in eine altmodische Schreibmaschine gespannt hatte. Erst mal eine Zigarette, war dann der rettende Gedanke. Und war der Kopf erst so richtig vom Rauch umhüllt, kam interessanterweise auch recht bald die rettende Idee für den ersten Satz.

 

Es ist schon erstaunlich, wie plötzlich Bilder aus einer längst versunkenen Zeit vor dem geistigen Auge erscheinen. Da fahre ich neulich mit dem Zug nach Düsseldorf, um mich über eine neue Therapie von Professor Maar (Autor des Bestsellers „Rebell gegen den Krebs“) unterrichten zu lassen. Und wo hält der Regionalexpress: in Papenburg an der Ems. Sofort tauchten Bilder aus meiner Kindheit auf. Unser Haus in der Bahnhofstrasse, die Meyer-Werft, das Sägewerk… Und dann, als der Zug wieder anruckte, sah ich ihn: den Begleiter meiner frühen Schuljahre - den Kanal.

 

 

Der Kanal in Papenburg

 

Es waren die ersten Jahre nach dem Krieg: Die Bundesrepublik wurde gegründet, die DDR geboren, die Nato aus der Taufe gehoben. Außerdem wurde dann noch die Welt darüber in Staunen versetzt, dass nun auch die UdSSR eine Atombombe besaß. Ich begriff von all dem wenig.

Offenbar hatte ich auch den Auszug aus Ostpreußen verschlafen, denn meine erste Erinnerung ist eng verbunden mit einem Kanal, von dem ich hier erzählen will. Dieser Kanal prägte damals wie heute das Bild der Stadt Papenburg, unserer letzten Station nach monatelanger Flucht vor der Roten Armee.

Es war an einem Sonntagmorgen. Wie so oft nach dem Frühstück rannte ich zum Kanal, wo sich Gleichaltrige mit mir zum Spielen verabredet hatten. Aber es wurde nichts daraus. Genau an der Stelle, wo sonst Peter, Manni und die anderen mit mir "in See stachen", war die halbe Nachbarschaft versammelt. Und es kamen immer noch Leute hinzu. Polizisten mit ernsten Mienen drängten die Menschen vom Ufer weg. Schon fing mich eine der Nachbarinnen ein und verbot mir, näher zu kommen. Natürlich ging ich nicht wieder nach Hause, sondern erkundigte mich nach der Ursache all der Aufregung.

 

An diesem Tag stellte ich wohl meine erste ernsthafte Recherche an,  was meinen späteren Weg zum Journalisten ohne Zweifel beeinflusst hatte. Ich erkundigte mich bei Nachbarn, die für ihre Zuverlässigkeit bekannt waren, und bekam heraus, dass es sich um eine „Moorleiche" handelte.  Später allerdings wurde diese Bezeichnung wieder zurückgenommen, zumal jeder natürlich wusste, dass das Moor an dieser Stelle längst abgegraben war, nämlich schon nahezu 300 Jahre. 

Papenburg wurde 1638 als so genannte Fehnkolonie gegründet. Wer sich hier niederlassen wollte, brauchte nichts für den Grund und Boden zu bezahlen. Einzige Bedingung: Er musste sich an der Aushebung des Kanals beteiligen. Und so zog sich der Kanal von Jahr zu Jahr immer mehr in die Länge, und die Stadt wuchs mit dem Kanal. Noch heute begegnen wir im Nordwesten Deutschlands Orte, die auf diese Weise entstanden sind.

 

Einige tragen in ihrem Namen die Silbe -fehn. Hier wurde wie in Papenburg Fehnkultur betrieben, d. h., das Moor wurde durch Abtorfung urbar gemacht. Schon damals als Achtjähriger sah ich kaum noch Torfkähne auf dem Kanal.  Es wurde zwar noch viel mit Torf geheizt, aber das Brennmaterial kam jetzt schneller über den Landweg in die Haushalte.  Obwohl der Kanal jetzt eigentlich nutzlos geworden war, machte er tagtäglich von sich reden. Wenn der Bürgermeister das Geld gehabt hätte, wäre der Kanal längst eingezäunt worden. Zum Schutz der Papenburger, der Einheimischen wie der Flüchtlinge. Insbesondere aber zum Schutz der Nachtschwärmer. Immer wieder passierte es, dass einer mit billigem Fusel im Kopf die Richtung verfehlte und schnurstracks in den Kanal hinein tappte. 

 

Auf meinem Schulweg, der natürlich wie alle Wege immer am Kanal entlang führte, sah ich dann die mir aus frühester Kindheit wohlbekannte Menschentraube.  Ich brauchte mich jetzt gar nicht mehr bis ans Kanalufer vorzudrängen. Die Wortfetzen genügten: De mutt wall bannich duhn rintorkelt siin!  Oder:  Is wall von siin Olsch wechlopen! (Der muss wohl völlig betrunken hinein getorkelt sein. Ist wohl von seiner Alten weggelaufen.)

 

Ich will noch einmal meine alte Schule betreten - wenigstens in Gedanken. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich alles wieder vor mir. Da ist der kleine Schulhof mit den hoch aufgetürmten Schneehaufen. Ich sehe das  düstere Schulgebäude mit der Freitreppe. Ich betrete das Klassenzimmer mit den rauchgeschwärzten Wänden. Ich höre das Bullern im eisernen Kanonenofen. Es riecht nach nassem Holz. Einige Kinder husten. Nicht die an der Fensterseite. Das sind mehrheitlich die Einheimischen. Es husten schon eher die vom Ofenrauch eingenebelten Flüchtlingskinder. Bevor der eigentliche Unterricht beginnt, müssen wir alle aufstehen. Es wird gebetet. Während sich die katholischen Fensterseitigen bekreuzigen, stehen die evangelischen Ofenseitigen wie immer etwas unschlüssig da. Einige versuchen sich in Solidarität und probieren, sich zu bekreuzigen, was meistens misslingt. Dann husten sie wieder. Mehr aus Verlegenheit als vom Ofenrauch.

 

Für Menschen wie mich, die - damals wie heute - schon mal die falsche Richtung einschlagen, war es sehr praktisch, dass die Stadt in ein Oben-, Mittel- und Untenende eingeteilt war. Wir wohnten am Untenende, da, wo der Kanal in die Ems mündet, direkt am Bahnhof. Natürlich ging es auch nach der Schule immer am Kanal entlang. Manni, Peter und ich bummelten an den Schaufenstern entlang, bestaunten die neuen Auslagen, wechselten auch mal auf die andere Straßenseite zum Kanal, wenn es da etwas zu bestaunen gab. Wir gesellten uns zu einer Schar von Kindern, die wie wir eindeutig als Flüchtlinge zu identifizieren waren. Flüchtlingskinder unterschieden sich von den Einheimischen schon dadurch, dass sie nicht so warm angezogen waren, wie es dieser kalte Wintertag erfordert hätte. Ihre Kleidung war alt und verwaschen oder schon mehrere Jahre von älteren Geschwistern getragen. Schuhe waren das größte Problem. Für Flüchtlinge einfach unerschwinglich. Man behalf sich mit Holzschuhen. Und wenn diese nicht warm genug waren, legte man sie mit Stroh aus. Sollte einmal die Unterscheidung zwischen uns Flüchtlingen und den „Emsköppen" nicht eindeutig genug ausfallen, musste die Religion herhalten. „Du siehst so evangelisch aus, du musst Flüchtling sein." Das stimmte fast immer. Denn das Emsland, insbesondere Ostfriesland, war schon damals tiefschwarz und katholisch.

 

Wir gesellten uns also zu den Gaffern und betrachteten ein halbes Dutzend Kinder, die sich mit ihren Schlitten auf dem zugefrorenen Kanal vergnügten. Mit ihren Schlitten! Für jeden von uns ein unerfüllbarer Traum. Wie das so ist: Kinder können sich nicht verstellen. Sie drücken mit ihren Gesichtern aus, was sie wirklich denken. Wir müssen wohl ausgesprochen sauertöpfig auf die ausgelassene Schar der Mitschüler geblickt haben. Unseren Neid trugen wir unverhohlen zur Schau.  Wir erkannten Volker, das Söhnchen eines Textilkaufmanns in seiner gesteppten Winterjoppe mit seinen engsten Freunden. Sie  erwiderten unsere feindseligen Blicke. 

 

Zuerst schoben sie ihre Schlitten zusammen, setzten sich sodann darauf und machten uns lange Nasen und allerlei Grimassen.  Plötzlich begann es im Eis zu knacken. Die Schlittenkinder waren so mit ihrem Spott beschäftigt, dass sie nicht merkten, wie ihre Schlitten langsam einbrachen. Das war so faszinierend, dass wir nicht gleich reagierten. Dann plötzlich ging ein Ruck durch unsere frierenden Leiber und wir sprangen den schreienden Kindern entgegen und zogen sie aus dem Wasser. Erwachsene kamen gelaufen und besorgten den Rest. Das war gut so. Aber wir waren noch aus einem anderen Grunde erleichtert. Die Schlitten waren verschwunden. In unserer kindlichen Seele war hier wenigstens ein Stückchen Gerechtigkeit wieder hergestellt worden.

 

Meine nächstfolgende Erinnerung:

 

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Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

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