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Borkum, Freitag, der 13. Februar 2009 – 11.20 Uhr

Heute ist Freitag. Dazu noch der 13. Ein willkommener Anlass, meiner Lesungsshow heute Abend einen entsprechenden Touch zu geben. Ich werde dem Publikum einfach voraussagen, was alles schief gehen wird. Genau. Ich werde den RIFF-Klinikern und Patienten schon bei der Begrüßung eine Gänsehaut über den Rücken jagen und orakeln, was alles an so einem 13. für Pannen passieren können.

Meine Mitspieler wissen noch nichts davon. Ulli, der pensionierte Lungenarzt Dr. med. Ulrich M., hätte auch „erhebliche Bedenken“ angemeldet. Ganz anders Uschi. Die Sopranistin Ursula L. willigte sogar spontan ein, als ich vorschlug, eine Szene aus meinem Buch nicht vorzulesen, sondern wie einen Sketch vorzuspielen. Kopfschmerzen bereitet mir noch die Clown-Szene. Ich trete nämlich gleich am Anfang als dienstbeflissener Clown auf, der sich als „Assistent des Künstlers“ ausgibt und gewisse Vorbereitungen für seinen Chef trifft. Ich singe in dieser Szene nämlich nach Begleitung von der CD. Aber egal. Ich spucke diskret dreimal über die linke Schulter und sage:

“Toi, toi, toi…“

 

Borkum, Samstag, der 14. Februar 2009 – 9.10 Uhr

Es wurden eine Menge Pannen angekündigt, und die eine, die wirklich eintrat, verursachte ich selbst. Zum Abschied wünschte ich dem erlauchten Publikum nämlich „einen guten Heimgang“.  Das hartgesottene Krankenhaus-Personal und auch die Patienten nahmen es mit Humor. Heute lese ich in der Borkumer Zeitung folgende Zeilen:

 

„Eine pannenlose Lesung

am Freitag den 13.

Die Überraschung war den Aufführenden gelungen. Schon zu Beginn der Lesung im Klinikum Borkum Riff wurde das Publikum von einem Clown überrumpelt, der vorgab, für seinen Chef Vorbereitungen für die Lesung zu treffen. Stattdessen überraschte er mit dem berühmten Prolog aus Bajazzo und kündigte mit einem leicht veränderten Text nicht ein Theaterstück, sondern eine Lesung an. Dieselbe Person – nämlich Felix H. Bendig – trat dann wenig später als lesender Autor auf und am Schluss der Veranstaltung sogar als singender Brecht-Interpret mit „Der Mensch lebt durch den Kopf“. Ganz hart an Pannen vorbei geschlittert ist Bendig dann mit seiner Partnerin Ursula L. in dem Sketch „Borkumer Strandkatzen“, was das Publikum aber eher erheiternd auffasste. Ein Genuss waren die Gitarrenbeiträge von Ulrich M., der auch Ursula L. bei ihren zumeist plattdeutschen Liedern begleitete Es herrschte im Saal eine angespannte Stille, als Felix H. Bendig fünf Szenen aus seinem Buch „Die 13 Tage nach der Hinrichtung“ las. Das Buch ist ab sofort in beiden Borkumer Buchhandlungen zu einem reduzierten Einführungspreis erhältlich.“

Soweit die Borkumer Zeitung.

Apropos Pannen. Ich muss zwei oder drei Jahre alt gewesen sein, als mir diese unerhörte Panne (oder sagen wir besser: dieses Missgeschick?) passierte. Es war der Tag, an dem ich angesichts eines Tieffliegers die säuberlich von meiner Mutter geschmierten Stullen, die für meinen Vater auf dem Feld gedacht waren, einfach in die Kartoffelfurche warf. Das war noch in Ostpreußen…

 

Es war in Ostpreußen…

Ostpreußen - Land meiner Väter. Ein Heimatboden, auf dem ich meine ersten Gehversuche machte. Ein Landstrich, von dem ich alles aus Büchern, nichts aber aus eigener Erinnerung weiß. Wie mochte wohl meine Kindheit gewesen sein?  Wertvolle Augenzeugen sind längst verstorben. Natürlich tauchen Bilder in mir auf, zusammen gesetzt aus Geschichten, die mir von Kindesbeinen an aufgedrängt wurden. Szenen, die dermaßen überdeutlich in mein Bewusstsein eingestempelt wurden, dass ich sie heute für selbst erlebt halte.

 

So sehe ich mich auf dem Feld, erkenne, wie mein weißer Haarschopf dem arbeitenden Vater zustrebt. Den Vater mit der Heu-Harke fest im Blick, die Brotdose noch fester an die Brust gepresst und tapfer immer die Ackerfurche entlang gestapft. Dann das Unerwartete. Ein Tiefflieger kommt direkt auf mich  zu. Ich werfe die Brotdose über alle Furchen und mich selbst auf die Erde. Gerade noch rechtzeitig. Der Bomber aus dem Zweiten Weltkrieg verliert mich aus dem Visier und fliegt davon. Vater beißt unverzagt in das sandige Brot und versucht mir geduldig zu erklären, dass diese Flugzeuge unsere Freunde sind. Ich glaube ihm natürlich nicht.

 

Weit draußen tobte ein Krieg, von dem ich nichts wusste. Hitler hatte gerade (es war Sommer 1942) seine Weisung Nr. 45 herausgegeben, nach der die deutschen Truppen nicht nacheinander, sondern gleichzeitig gegen Stalingrad und zum Kaukasus vorstoßen sollten. Das hatte die entscheidende Wende des Krieges eingeleitet, die auch mich und meine Familie betraf. Im Oktober desselben Jahres begann Montgomery mit seiner britischen Armee eine Offensive gegen das deutsche Afrikakorps, in dem auch mein Vater wieder diente, nachdem er seine Heu-Harke beiseitegelegt und den Heimaturlaub beendet hatte.

 

Währenddessen erlebte ich auf dem kleinen Bauernhof in Scheeren friedliche Kindertage. Es war noch vor der landwirtschaftlichen Revolution. Die Automatisierung war noch in weiter Ferne, so dass noch viel körperlicher Einsatz gefragt war. Und die wenigen Landmaschinen, die die Muskelkraft des Bauern ersetzen sollten, waren von unglaublichen Ausmaßen. Angerostete Ungeheuer waren das. Aus meiner frühkindlichen Perspektive kamen sie mir wie gefräßige Dinosaurier vor. Die Scheu vor diesen Giganten muss nicht lange angehalten haben. Schon bald hatte ich mir aus Stock und Bindfaden eine Peitsche gebastelt. Dann quälte ich mich auf den hohen Sitz und trieb mit Furcht erregenden Anfeuerungsrufen das monströse Gefährt voran - bis mir der Schaum vor dem Mund stand.

 

 

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Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

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