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Mein Leben ist nicht die Zahl!

Rissen, der 19. Februar 2013

18.50 Uhr

 

Ich habe meine „Erinnerungen“ mal für eine Weile ruhen lassen. Für eine lange Weile. Genau gesagt: für nahezu drei Jahre. Larysa und ich wohnen jetzt wieder in Hamburg – im schönen Stadtteil Rissen an der Elbe. Der Umzug wurde wieder einmal wegen der fachärztlichen Weiterbildung meiner Frau erforderlich. Und während sie sich in Hamburger Praxen den Feinschliff für ihre anstehende Karriere holte, mischte ich mich unter das Rissener Volk. In den ersten Monaten meines Neubürgertums machte ich mich im Kinder-Hospiz als freiwilliger Helfer nützlich. Dann trat ich in den hiesigen Bürgerverein ein und übernahm die Pressearbeit. Wenig später kaufte ich mir eine Gitarre und wurde Mitspieler einer neu gegründeten Rentnerband. Heute ist nichts von alledem übrig geblieben. Das Kinder-Hospiz und den Bürgerverein musste ich aus gesundheitlichen Gründen verlassen. Die Rentnerband hatte sich wegen unüberwindlicher Diskrepanzen selbst aufgelöst.

Die „gesundheitlichen Gründe“ haben ihre Wurzeln Anfang des neuen Jahrtausends. 2001 hatte in Alanya/Türkei, wo ich mehrere Jahre verbrachte (später davon mehr), ein Klinikarzt bei mir Prostatakrebs festgestellt. Das war dann auch der Grund, weshalb ich nach rund sieben Jahren die Türkei wieder verließ und mich bemühte, in Deutschland Fuß zu fassen. Inzwischen hat sich der Krebs in meinem Körper wohlig ausgebreitet. Einige vorwitzige Metastasen haben sich sogar in den Rippen festgesetzt. Dort verursachen sie Schmerzen, die mich von einigen liebgewordenen Aktivitäten abhalten. Selbst das Gitarrenspiel geht mir nicht mehr so leicht von der Hand. Diese Einschränkung ist schlimm für einen wie mich, der gern immer unter Strom stand, der die Pferde wechselte wie im Husarenritt, dem der Ortswechsel nicht das Geringste ausmachte, geschweige denn ein Wechsel in eine andere berufliche Laufbahn. Genau wie damals, als ich erkannte, dass ein Leben als Bankkaufmann nicht mein Innerstes erfüllte, als ich mich entschloss, von der Zahl zum Wort überzuwechseln.

 

Mein Leben ist nicht die Zahl!

Die Idee kam nicht über Nacht. Der Wechsel  war aber im Kopf wohl unbewusst schon lange vollzogen. Was mich zunächst noch daran hinderte, den Banker in mir so einfach auszuknipsen und in den Journalismus einzutreten, war meine Vorbildung. Die war doch von Kopf bis Fuß auf Wirtschaft eingestellt, wenn man mal von den mehr privaten Studien der Medizin absieht. Es bedurfte einer Initialzündung, um meine Zweifel auszuräumen und alle vermeintlichen Widerstände zu ignorieren. Und diese Zündung kam in Gestalt eines flämischen Autors. Was war geschehen?

Ich wohnte zu der Zeit bei einer „Wirtin Wunderlich". Wir Untermieter nannten sie auch „Kognak-Jette", weil sie ihr billiges Gesöff immer in Einwickelpapier beließ, um die Menge ihres Tageskonsums nicht preiszugeben. Zu ihren besonderen Eigenarten zählte auch der Umgang mit ihrem Rauhaardackel „Hexe". Sie fütterte den armen Hund immer mit Dosenmilch und redete ihm ein: „Glaub mir, Hexe, wir leben kurz, aber gut." Sie wurde 96, der arme Hund nur schlappe fünf Jahre.

Nicht selten zu Besuch kam ihre Tochter aus Brüssel und deren Mann, der bereits erwähnte flämische Autor. Ich bewunderte diesen Mann, obwohl ich noch keine Zeile von ihm gelesen hatte.

Er wurde mir ein väterlicher Freund, der mich in alle Belange der Schriftstellerei einweihte. Schließlich machten wir uns gemeinsam an die Arbeit, die ersten Seiten seines neuesten Werkes ins Deutsche zu übersetzen. Er lieferte mir eine Stegreifübersetzung, ich verfeinerte und bastelte so lange, bis die neue deutsche Fassung nach Inhalt und Atmosphäre der flämischen Urfassung entsprach. Es war ein Spaß ohne Ende. Doch dann näherte sich der Tag seiner Abreise.  Mein Freund  verpasste mir noch schnell einen Crashkurs in Flämisch, drückte mir ein Wörterbuch und ein Exemplar seiner Neuerscheinung in die Hand und wünschte mir „frohes Schaffen". Wir schrieben das Jahr 1967. In Kapstadt pflanzte Professor Barnard einem Patienten das Herz einer tödlich verunglückten 25jährigen Frau ein.

Nun saß ich Nacht für Nacht über meinem Manuskript und wog wie ein Apotheker Worte und Phrasen ab, um genau den Ton zu treffen, den der Autor beabsichtigt hatte. Eine mehr wörtliche Übersetzung  wäre nicht schwer gewesen. Schließlich war ich im Emsland, nahe der niederländischen Grenze, aufgewachsen, wo Plattdeutsch und Niederländisch (was dem Flämischen sehr ähnlich ist) nahtlos zusammenfließen. Mein Ehrgeiz war grenzenlos. Ich wollte die Seele des Buches erreichen. Es gelang offenbar. Nach einigen vergeblichen Anläufen druckte eine Hamburger Zeitung die Übersetzung in Fortsetzungen ab. Das war die Initialzündung, die mein neues Lebensziel bestimmte und zu der Aussage führte: Mein Leben ist nicht die Zahl, sondern das Wort. Basta!

 

Und weiter geht´s in meinen Erinnerungen mit dem Kapitel:

 

Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

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