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Die Medizinkritik und das Gewissen

Rissen, den 27. März 2013 –

18.15 Uhr

Durch halb geschlossene Augenlider sehe ich die Pferdekoppeln vorbeifliegen. Endlich! Nächste Station Rissen. Auf der Stelle bin ich hellwach. Wie neu und unberührt kommt mir plötzlich alles vor. So, als sähe ich es durch frisch geputzte Brillengläser.  Aber ich war doch nur zehn Tage weg. Noch wenige Minuten und ich bin zu Hause. Wie werde ich die Wohnung vorfinden? Der Aufbruch an jenem Sonntag war überaus hektisch. Zu lange hatte ich gebraucht, um meinen Kreislauf zu beruhigen. Um 4.47 Uhr fuhr die Bahn. Plötzlich musste alles ganz schnell gehen: Fenster zu, Heizungen runter, Herd aus… - Oh Gott, der Herd! Habe ich den Herd auch wirklich ausgedreht? Meine Gedanken eilen voraus. Schon biege ich bei Rossmann um die Ecke und blicke auf den Eingang Nummer 37. Nein, das kann nicht sein! Alle Etagen über meiner Wohnung sind eingestürzt. Meine Parterre-Wohnung  –  eine einzige rauch-schwarze Ruine. Beim Verlassen der S-Bahn werden meine Horrorvisionen von versöhnlicheren Gedanken abgelöst. Meine Betrachtungen streifen um die Gebäuden  5 und 8 der BioMed-Klinik in Bad Bergzabern.  Die zehn Tage dort in der Pfalz haben mir einen Blick in eine unbekannte Welt gewährt.  Klar, da war im Tagesablauf viel Vertrautes: Hyperthermie, Magnetfeld-Therapie, Sauerstoff. Und auch so etwas wie Meditation oder Töpfern.  Aber diese unbekannten Welt, ja, das waren die Menschen.  Krebskranke in einem weit, weit fortgeschrittenen Stadium. Aber auch mit einem großen Charakter und einer noch größeren Seele.

Das Briefkasten-Türchen klemmt. So viel Post ist da hineingestopft worden. Bevor ich die Wohnungstür aufschließe, atme ich einmal tief durch. Erleichterung. Es ist alles so, wie ich es hinterließ. In der Wohnung ist es nicht viel wärmer als draußen. Nachdenklich drehe ich alle Heizkörper auf und muss dabei unwillkürlich an Fabian denken. Der erst 19-jährige Schlacks mit der frühen Glatze hatte die ganze Nacht das Bett zerwühlt. Einen Tag vor meiner Abreise war er meinem Zimmer zugeteilt worden und hatte mir von seinen Schlafstörungen erzählt. Er wünschte mir zum Abschied „Frohe Ostern“ und eine erfolgreiche Therapie.  Ich wünschte ihm das Gleiche und wies mit dem Kopf vielsagend auf seinen jungen geschundenen Körper.  „Ja, danke“, beeilte er sich, „aber es gibt Schlimmeres.“ Dabei lächelte er etwas schief.  War das nur so daher gesagt oder dachte der junge Mann wirklich, dass es noch etwas Schlimmeres als Lungenkrebs mit Hirnmetastasen gäbe?

Nach dieser mehr als zehnstündigen Bahnfahrt schrie geradezu alles nach einer Belohnung. Ich hatte schon den Schnellkocher in der Hand. Endlich „richtigen“ Kaffee trinken!  Die kleine Küche war schon warm. Also schob ich die Post beiseite und trank meinen Kaffee gleich am Küchentisch.  Renate. Eine ungewöhnliche Frau.  Die bayrische Mittfünfzigerin mit den losen langen Haaren, einem schmalen, ernsten Gesicht,  lässt ihre Augen oft recht schelmisch hinter randlosen Brillengläsern aufblitzen. Sie ist nicht böse, wenn man  sie als „Rampensau“ bezeichnet. Ähnlich wie ich hat sie auf der Bühne schon so gut wie alles gemacht  - sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Noch vor nicht allzu langer Zeit zog sie mit einem Soloprogramm durch die Gegend -  als „Hexe Walpurga“.

Renate wurde nach der Diagnose Brustkrebs massiv von Lymphmetastasen heimgesucht. Nach einigen OPs hat sie die Notbremse gezogen.  Jetzt lässt sie nichts mehr an ihren Körper heran – keine OP, keine Bestrahlung, nicht einmal Hormontherapie.  Dafür kommt sie regelmäßig nach Bad Bergzabern und lässt die biologische Therapie über sich ergehen.  Ich will nicht an den Nebenwirkungen zerbrechen. Mein Körper gehört mir und ist kein Experimentierfeld für neugierige Ärzte. Wenn sie so spricht, wirft  sie mit entschiedenem Schwung  ihre langen Haare in den Nacken.

Auf dem Klinikgelände gibt es auch ein kleines Cafe´. Dort trafen sich manchmal einige Patienten von unserer Station. Marita, eine Frau mittleren Alters, war fast immer dabei.  Eine erfrischend sympathische Frohnatur mit Pausbäckchen und großen Kinderaugen.  Ihr Lachen war ansteckend.  Aber während Renate dem Krebs in Augenhöhe zu begegnen schien, ihm Respekt zugestand und mit ihm so etwas wie ein Gentlemen-Agreement  einzugehen beabsichtigte, ist Marita drauf und dran, den Bösewicht mit Stumpf und Stiel auszurotten. Auch sie steckt nach dem Brustkrebs voller Metastasen, insbesondere sind auch ihre Knochen befallen. Wenn sie mit dem vertrauten lachenden Gesicht erzählt, ist der feuchte Glanz in ihren Augen nicht zu übersehen.

Meine Frau Larysa hat mir inzwischen über Skype eröffnet, dass sie noch eine Woche länger in der Ukraine bleiben wird. Dann wird also auch in diesem Jahr keiner da sein, der mir beim Suchen der Ostereier hilft. Ich lasse das Badewasser ein und ziehe mich aus. Im Spiegel blickt mich ein müdes Gesicht an. Meine Augen bohren sich in das Spiegelbild. Ich trete näher heran, noch näher, bis nur noch die Augen da sind. Krebs! Im selben Augenblick habe ich die listigen Augen von Franz vor mir.  Es war am Abend vor meiner Abreise. Sein faltiges Gesicht hatte er auf Schmunzeln geschaltet, als er mir seine Hand entgegenstreckte.  Ich musste seinen Daumen mit allen Fingern umfassen und „melken“.  Ich tat es. Das Schmunzel-Gesicht wechselte auf maßloses Erstaunen um.  „Tatsächlich, Felix, du kannst melken“, stellte er fest. Spontan lud er mich zu sich auf die Schweizer Alm ein. Franz war zunächst der Meinung, er allein sei der Einäugige unter den Blinden. Seine Krebsgeschwulst am Darm sei doch total entfernt worden. Und keine Metastasen. Als er dann aber all die Geschichten vom erstmaligen Auftreten der Metastasen auch nach Jahren hörte, wurde der Alm-Bauer  sehr nachdenklich. Auch ich hatte in dieser Runde anfänglich das Gefühl, nicht ganz dazu zu gehören. Schließlich hatte ich doch „nur“ Prostatakrebs, ein möglicherweise sehr langsam wachsender…  Als ich dann aber sah, wie viel leistungsfähiger andere Leidensgenossen waren, unübersehbar mehr Energie ausstrahlten, größeren Appetit entwickelten und offenbar weniger unter den Einschränkungen litten, blieb auch mir die Nabelschau nicht erspart. Erfolg und Misserfolg  lagen ja so eng beieinander.  Und am besten schnitten wohl noch jene ab, die sich als einmaliges Individuum begriffen und sich von niemandem einfach ein vorgefertigtes Therapiekonzept überstülpen ließen.

Ich liege inzwischen in der wohlig-warmen Badewanne und lasse meine Gedanken in eine Zeit zurückwandern, da ich ähnliche Gedanken über die Medizinwelt anstellte. Damals war ich ein frisch gebackener Medizin-Journalist und hatte meine erste Feuerprobe zwischen Medizinkritik und Gewissen zu bestehen.

 

 

Die Medizinkritik

und das Gewissen

In meinem Arbeitsvertrag stand, dass ich überparteilich und objektiv zu berichten hatte. Die Gesundheitspolitik machte mir keine Schwierigkeiten. Anders war es bei meinen Artikeln über Leistungen und Errungenschaften der so genannten modernen Medizin. Schon frühzeitig trug ich in mir ein ganz anderes Bild vom Beruf des Arztes. Lange Zeit bevor ich mein Studium der Naturheilkunde aufnahm, war für mich  Gesundheit mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Der Arzt sollte kein „Gesundheitsingenieur", sondern ein Künstler (im besten Sinne des Wortes) sein. Als ich schließlich die Bestätigung aus der Jahrtausende alten Erfahrungsmedizin bekam, stieß ich in meiner Berichterstattung immer wieder auf innere Konflikte.

Dem journalistischen Grundsatz gehorchend,  zumindest beide Seiten anzuhören, interviewte ich  viele Patientinnen und Patienten. Da gab es todunglückliche Frauen, denen vorschnell die Brüste amputiert wurden. Das war besonders tragisch, wenn sich nach der Operation herausstellt hatte, dass der Tumor gutartig war. Da wurde sogar jungen Frauen vorsorglich die Gebärmutter entfernt, weil diese angeblich ein Krebsrisiko in sich trugen. In sehr vielen Fällen aber stellte sich heraus, dass angehende Gynäkologen lediglich bestrebt waren, für ihre Facharztausbildung eine bestimmte Anzahl von Operationen nachzuweisen. Da wurde allzu freizügig Antibiotika verabreicht, auch bei Kindern, mit all den unkalkulierbaren Folgen für den heranwachsenden Menschen. Das ganze System der Symptomunterdrückung machte mir zu schaffen. Fiebersenkende Pillen statt Wadenwickel, chemische Abführmittel  statt Einläufe oder Ballaststoffe. Was ich vermisste (und eigentlich heute immer noch vermisse) ist der Mut zur Heilung, die ganzheitliche Betrachtung des Menschen und der Versuch, die Symptome aufzulösen, statt sie zu unterdrücken. Wer handelte eigentlich noch nach dem Eid des Hippokrates, den die Ärzte auch heute noch ablegen und der verspricht, in erster Linie dem Patienten nicht zu Schaden.

Meine Berichte fielen entsprechend aus. Zwar war ich bestrebt, den Ärztestand nicht pauschal zu verurteilen, wie es seinerzeit der Chirurg Professor Hackethal in seinen Büchern tat, bremste aber doch unüberhörbar die meiner Meinung nach sehr naive Fortschrittsgläubigkeit meiner Leser.

Es kam der Tag, an dem ich mich von denen examinieren lassen musste, die ich ein Jahrzehnt lang kritisiert hatte. Das Hamburger Gesundheitsamt hatte sich auf Tag und Stunde festgelegt. Es gab kein Zurück mehr. Ich bekam die Chance, die Approbation ohne Bestallung, wie die Heilpraktiker-Zulassung offiziell heißt, zu erwerben. Zu meinem Schrecken sickerte kurz vor dem großen Tag aus internen Kreisen die Nachricht  durch, dass der Prüfer der Inneren Medizin all meine Artikel gesammelt hatte.

Und da saß ich nun in dem unpersönlichen Behördenraum. Vor mir ein altmodisches, ein wenig quietschendes Tonbandgerät mit  Mikrofon. Das Ganze erinnerte mich ein wenig an die Nachrichtensprecher früherer Jahre. Das gab ich dann auch zum Besten, stieß jedoch nur auf eisiges Schweigen. Ich war auf das Schlimmste gefasst. Zu meiner maßlosen Überraschung jedoch lockerten sich plötzlich die Gesichtszüge des Hauptprüfers. Er nickte mir freundlich zu und lächelte dabei süffisant: „Herr Bendig? Das sind sie doch, ja… Sie sind also der Meinung, man könne auf uns Ärzte getrost verzichten." Das saß wie ein Keulenschlag. Ich war ganz benommen. Nein, beteuerte ich überhastet, so etwas sei zu keiner Zeit aus meiner Feder gekommen. Und überhaupt, in akuten Fällen habe der Arzt immer noch seinen Platz…

Ich merkte zu spät, dass ich alles noch viel schlimmer machte. Der Prüfer winkte ab. Man wolle jetzt sehen, was ich drauf habe. Die Auswahl der Fragen war entgegen meinen Erwartungen fair. Zwar konnte ich nicht alles erschöpfend beantworten, aber das war  auch gar nicht nötig. Problematisch wurde es bei den Infektionskrankheiten. Eine etwas betagte mausgraue Amtsärztin hatte sich regelrecht festgebissen. Ihre Fragen waren so unglücklich formuliert, dass ich oft gar nicht verstand, was sie von mir wollte. Schließlich ließ sie erschöpft von mir ab. Ich hatte bestanden.

Im gegnerischen Lager hatte ich einen einzigen Fan - meinen Hausarzt. Er war naturgemäß nicht mit allem einverstanden, was ich schrieb. Vieles jedoch fand seine Zustimmung. So hatte er - als er einen meiner flammenden Berichte über die Zustände in den Arztpraxen  gelesen hatte - in seiner Praxis die Terminvergabe eingeführt, was in der damaligen Zeit keine Selbstverständlichkeit war. Für jeden Patienten nahm er sich wenigstens eine Viertelstunde Zeit. Immerhin. Und dann lud er mich sogar zu einem ausführlichen Gespräch nach Praxisschluss ein. Dieses Gespräch sollte meinem Leben erneut eine Wende geben. Ohne seine Schweigepflicht zu verletzten, berichtete mir der Mediziner über interne Situationen, warb um Verständnis für die Zwänge, die auf ihn und seinen Kollegen tagtäglich lasteten.

„Manchmal möchte ich alles hinschmeißen. Es macht einfach keinen Spaß mehr." Das waren ganz neue Töne in einer Zeit, da man Mediziner als „Götter in Weiß" bezeichnete und hinter vorgehaltener Hand darüber rätselte, ob sich Ärzte überhaupt noch standesgemäß fühlten, wenn sie nicht wenigstens ein zweites Feriendomizil besaßen. Mein Hausarzt zählte nicht zu den Auserwählten der Arzneimittelindustrie. Er verordnete nicht, was ihm Pharmareferenten diktieren wollten und beugte sich schon gar nicht dem Willen seiner Patienten. Letzteres war seine eigentliche Sorge. „Die Patienten kommen mit ausgeschnittenen Zeitungs- oder Zeitschriftenartikeln und verlangen, dass wir Ärzte dieses oder jenes verschreiben sollen. Nun frage ich Sie, habe ich dafür so viele Jahre studiert?" Ich solle mir auch mal ernsthaft überlegen, ob ich mit meinen Artikeln das erreichen könnte, was ich bezweckte. „Schreiben Sie nicht nur, handeln Sie - oder besser: behandeln Sie. Geben Sie nicht nur Ratschläge, sondern machen Sie es besser!" Ich hörte da einen fast unfreundlichen Unterton heraus. Ich hatte das Gefühl, mich wehren zu müssen. Zum Wohle der Patienten sei zu allererst eine echte Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Heilpraktikern nötig. In den Statuten der Ärzteorganisationen sei aber von einem strikten Verbot die Rede, warf ich ein. „Was kümmern mich die Statuten", regte er sich auf. „Lassen Sie sich als Heilpraktiker nieder und ich, wie auch meine Kollegen,  werden mit Ihnen zusammenarbeiten."

Ich ging an diesem Abend sehr nachdenklich nach Hause. Der Arzt hatte mir einen Floh ins Ohr gesetzt.

Eigentlich hatte ich doch Naturheilkunde studiert, um meine Berichte fundierter abfassen zu können. Jetzt aber war die Versuchung groß, wieder einmal den Beruf zu wechseln, zumal ich die Approbation schon in der Tasche hatte. Und dann dieses Angebot meines Hausarztes, der einen großen Einfluss auf seine Kollegen hatte. Mir war bis dahin kein einziger Hamburger Stadtteil bekannt, in dem Ärzte mit Heilpraktikern zusammenarbeiteten. Ich musste erst mal einige Nächte darüber schlafen.

Es war die Zeit, als der deutsche Film am Boden lag. Hardy Krüger senior, den ich seinerzeit interviewte, antwortete auf die Frage, was er  vom deutschen Film halte: "Man soll ein krankes Pferd nicht auch noch schlagen!" Ein Repräsentant des damaligen Films war Theo Lingen. Sein Tod am 10. November 1978 ging mir doch sehr an die Nieren. Ich hatte über ihn immer herzlich gelacht.

 

In meinen Erinnerungen schließt sich nächste Woche das Kapitel an:

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Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

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