News and books
News and books  

Blutegel aus der Kanalisation

Rissen, der 21. November 2014 -

8.22 Uhr

 

Heute ist Alltag. Ein Tag wie der ganze zurückliegende Rest. Man steht früh auf – heute schon um 5.30 Uhr. Und das hat ausnahmsweise nichts mit „seniler Bettflucht“ zu tun. Wenn ich nämlich einigermaßen gut drauf bin, lasse ich es mir nicht nehmen, meiner Frau das Frühstück ans Bett zu bringen. Gut. Wenn Larysa dann gegen 7 Uhr das Haus verlassen hat, spule ich mein Programm ab: Ein bisschen schreiben, abwaschen, saubermachen, Essen vorbereiten… Ich weiß nicht, ob man bei diesen Zeilen schon meine Unzufriedenheit herausliest. Ich hatte mich eigentlich nie mit der Rolle des Hausmanns anfreunden können.

Manchen Tags, wenn meine Frau nicht aus dem Bett finden wollte und scherzhaft vorschlug, ich solle für sie in die Praxis fahren, dann jubelte ich ihr oft ein begeistertes Ja entgegen. Dann dachte ich an meine Praxis von damals, an den Spaß, an die Abwechslung, die ich hatte. Dann dachte ich wohl auch an jenen Tag, an dem die vermeintlich abgetöteten Blutegel sich aufmachten, schreienden Sekretärinnen ins pralle Hinterteil zu beißen.

 

 

Blutegel aus der Kanalisation?

 

Sie hieß Geraldine L. und hatte einen Dickschädel, den man ihrer eher zierlichen Erscheinung nicht zutraute. Und da ich auch einen Dickschädel hatte und noch heute habe, gerieten wir immer wieder aneinander. Das tat aber der Sympathie füreinander keinen Abbruch. Wir diskutierten einfach gern und oft und leidenschaftlich. Zu meinem Leidwesen konnte sie ihre gelegentlichen Einwände auch im Beisein von Patienten nicht verbergen, was dann anschließend dazu führte, dass ordentlich die Fetzen flogen. Aber dennoch: Wir waren ein eingespieltes und nach unserer Selbsteinschätzung auch ein unschlagbares Team. Frau L. blieb nicht nur meine Dauerpraktikantin, sie hielt mir auch die Treue, als sie selbst ihre Approbation hatte. Die Praxis war gut bis sehr gut ausgelastet, sogar in den Abendstunden. Natürlich war auch meiner Ehefrau Christel die neue Assistentin nicht verborgen geblieben. Und die Arbeit bis in die Abendstunden nährte bei ihr den Verdacht, ich könnte etwas mit dieser Frau haben.

 Als ich diesen Verdacht zum ersten Mal aus ihrem Mund hörte, war ich so überrascht, dass sie meine Reaktion so auslegte, als hätte sie mich ertappt. Meine maßlose Überraschung rührte aber daher, dass ich nicht einmal im Traum daran gedacht hatte, in Geraldine L. etwas Anderes zu sehen als eine überaus fleißige Praktikantin. Es war immer eine Freude anzusehen, wie sie mit bloßen Händen die Blutegel aus dem Bottich nahm und direkt auf die Haut des Patienten ansetzte.  Wie sie nach der allerletzten Behandlung ganz selbstverständlich nach den Buchführungsunterlagen griff und sich darüber hermachte.

Schon lange wendeten wir die Blutegelbehandlung nicht mehr nur bei Durchblutungsstörungen und Krampfadern sowie Entzündungen an. Als Medizin-Journalist hatte ich ständig die Hand am Puls der aktuellen Medizinforschung. Meine neue Assistentin hingegen studierte die Aufzeichnungen bekannter Naturärzte, die private Forschungen in ihren Praxen betrieben. Bekanntes und Neues führten wir so zusammen und schlugen neue Wege in unserer Behandlung ein.

Es war aber auch die Zeit, in der ich großen Belastungen ausgesetzt war. Nach wie vor war ich ja auch noch als Dozent tätig, schrieb Artikel als freier Medizin-Journalist und betrieb das Familientheater "Hamburger Sprech- und Gebärdenbühne". Jeden Tag mussten meine verschiedenen Tätigkeiten neu koordiniert und unter einen Hut gebracht werden.

In dieser Zeit unterlief mir auch mein erster Fehler. Wie jeden Abend war meine Assistentin mit der Buchführung beschäftigt, während ich die letzte Patientin verabschiedete und damit begann, die Praxis für den nächsten Tag herzurichten. Dazu gehörte auch das Abtöten der zuvor angesetzten Blutegel. Da die prall mit Patientenblut gefüllten Egel möglicherweise Krankheitserreger in sich tragen, dürfen sie nicht in der Natur ausgesetzt werden. Ich griff an diesem Tag offenbar an der Spiritusflasche vorbei und benetzte die Egel wohl mit einprozentigem Procain, welches ich für die Neuraltherapie benötige. Damit wurden die Blutegel allerdings nur leicht betäubt, dachten jedoch im Traum nicht daran, ihren Geist aufzugeben. Auch an diesem Abend wurden die vermeintlich toten Tiere in den Etagentoiletten entsorgt. Diese wurden besonders in den Abendstunden auch von den Sekretärinnen der benachbarten Büroräume der Bank benutzt.

Ich hörte nur einen markerschütternden Schrei. Frau L. ließ vor Entsetzen den Schreibstift fallen. Fast gleichzeitig rannten wir zum Flur und sahen noch, wie aus zwei Toiletten Frauen mit halb heruntergelassenen Röcken herausgeschossen kamen und in ihre Büros flitzten.

Mir war sofort klar, dass die Blutegel offenbar Prokain abbekommen hatten und deshalb nicht besonders beeindruckt waren. Sie waren wohl nach dem Spülvorgang seelenruhig, eine breite Blutspur nach sich ziehend,  wieder die Toilette hoch gekrochen , wo ihnen ein zum Anbeißen verlockendes Hinterteil einer Sekretärin entgegenglänzte.

Kurz darauf  klopfte der Büroleiter an meine Praxistür und bat mich um eine Unterredung. Sein Gesichtsausdruck verriet nichts Gutes. Mit einer wegwerfenden Handbewegung lehnte er es ab, Platz zu nehmen. Stattdessen blickte er sich suchend um, schüttelte beim Anblick meiner Schröpfgläser, Nadelköpfe und Akupunktur-Utensilien den Kopf und ging dann zielstrebig auf den gläsernen Bottich zu, in dem die noch unverbrauchten Blutegel schwammen.

„Sie mögen ja eine andere Einstellung haben“, sagte er, während seine Stimme vom Flüsterton zu einem Schrei anschwoll, „ich aber finde die Dinger einfach ekelhaft!!“

Ich versprach ihm, mich am nächsten Tag bei seinen Sekretärinnen zu entschuldigen. Mit einem Blumenstrauß und einem ausgesprochen schlechten Gewissen klopfte ich anderentags an die Tür des Bankbüros. Der Büroleiter war schon nach Hause gegangen.

Die Schreibdamen waren auf mein Kommen auf eine Art vorbereitet, die mir Angst machte. Frech grinsend ließen sie nicht eher locker, bis ich mich bei jeder Sekretärin einzeln entschuldigt hatte. Dann forderten sie mich auf,  Platz zu nehmen und löcherten mich mit ihren Fragen. Aus meinen Antworten entstand ein ganzer Vortrag über Blutegel im Allgemeinen und im Besonderen. Insbesondere wurde das Mitleid der Damen erregt, als ich erklärte, dass die Tierchen nach getaner Arbeit einfach abgemurkst werden. Gespielte Empörung, Neugierde und Scherz wechselten sich ab, während das Stimmengewirr mehr und mehr im zweiten Stock der Banketage anschwoll.

Wenn jemand eine Flasche Sekt zur Hand gehabt hätte, wäre der Abend noch feuchtfröhlich ausgeklungen. Beim Abschied meldete sich sogar eine der  Damen zu einer Blutegelbehandlung an. Ich konnte sicher sein, dass mir auch die übrigen Schreibdamen nicht mehr böse waren.

Der Vorfall mit den Blutegeln hatte in der Stadt die Runde gemacht. Zuerst waren auf geheimnisvolle Weise die Bankkreise informiert worden, dann die wissbegierige Bevölkerung. Da war davon die Rede, dass überall in der Stadt blutverschmierte kleine Ungeheuer die Kanalisation hoch gekrochen kamen und unbescholtene Bürger ins Hinterteil beißen würden.

Der Zufall wollte es, dass ausgerechnet auf dem Höhepunkt des Stadtgesprächs ein seit langem geplanter Vortragstermin des Gesundheitsvereins anstand. Thema: „Die segensreiche Therapie mit Blutegeln“. Als Redner war der Vorsitzende dieses Vereins bestimmt: ich. Nun brauchten die braven Bürger nur noch eins und eins zusammenzuzählen und konnten sich auf einen handfesten Skandal einrichten.

Erwartungsgemäß war der Vortragssaal zum Bersten gefüllt. Viele bekamen keinen Sitzplatz mehr. Da diskutierten Mitglieder des Gesundheitsvereins, hier zwinkerten sich Schüler der Heilpraktiker-Schule vielsagend zu, dort wieder saßen verstreut und scheu ehemalige Patienten von mir. Aber es waren genauso viele Neugierige gekommen, Bluterfahrene, Leute, die angeblich ihre Begegnung mit der dritten Art auf der Toilette gemacht hatten (oder besser: angeblich gemacht haben sollen).  Und dann sah ich sie, und mein Gesicht erhellte sich: Es waren tatsächlich auch einige Sekretärinnen aus der Banketage gekommen.

Wie nicht anders zu erwarten war, ließen es sich einige Gäste nicht nehmen, meinen Vortrag mit provozierenden Zwischenrufen zu stören. Ich hatte es den Sekretärinnen zu verdanken, dass durch ihre gezielt gesteuerten  Beiträge die ganze Veranstaltung noch ein versöhnliches Ende fand. Zum Dank lud ich die Damen zu einem Umtrunk ins Restaurant ein. Ich musste mir doch solche Nachbarn warm halten!

 

Lesen Sie weiter in meinen Erinnerungen. Es folgt das Kapitel:

 

Ringelwürmer und noch ganz andere liebe Kollegen

 

Kommentare

Es sind noch keine Einträge vorhanden.
Bitte geben Sie den Code ein
* Pflichtfelder
Bitte beachten Sie, dass die Inhalte dieses Formulars unverschlüsselt sind

Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

Druckversion Druckversion | Sitemap
Copyright: Felix H. Bendig