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Kamingespräche über Gott

Rissen, 15. Juli 2015 – 7.35 Uhr

Ein markerschütternder Katzenschrei direkt unter meinem Schlafzimmerfenster. Eine andere Katze kontert eine Oktave tiefer. Die gesamte Vogelwelt setzt mit einem aufgeregten „Tschiiip – tschiiip!“ ein. Na, danke. Das war´s dann also mit dem Schlaf. Larysa hat die Wohnung schon verlassen. Also wird es Zeit für mich, das Tagewerk eines Hausmannes abzuspulen. (Nähere Details sind weiter vorn nachzulesen.) Beim Öffnen des Briefkastens fallen mir Unmengen verhasster Werbebriefe auf die Füße. Ich entsorge alles ungeöffnet. Nein. Einen Brief habe ich herausgefischt: Eine Infoschrift vom Kinderhospiz Rissen. Sofort fällt mir der „Snoezelen“-Raum ein. Und ich denke an Karina. Mein Gott, ob das Mädchen noch lebt?

Wir wohnten erst einige Monate in Rissen und ich hatte einen Lehrgang für Hospizhelfer abgeschlossen. Sogar mit Zertifikat. Das erste Kind, das mir zugeteilt wurde, war die zwölfjährige Karina. Bevor ich mich mit dem Kind beschäftigen durfte, musste ich eingehend die Krankenakte studieren. So erfuhr ich, dass Karina als vermeintlich gesundes Kind geboren wurde. Als sie ungefähr sieben Jahre alt war, entdeckte man bei ihr die Stoffwechselerkrankung MPS (Mucopolysaccharoidose),  ein chronisches Leiden, bei dem sich bestimmte Organe und Skelettteile zurückentwickeln und damit den frühzeitigen Tod herbeiführen.

Ich halte etwas hilflos die Monatsschrift in der Hand. Ob Karina noch lebt?

Als ich das Mädchen kennenlernte, lag es nur noch im Bett. In einem warmen Wasserbett. Leise Musik schien aus allen Wänden zu kriechen. An der Decke formten sich interessante Lichtreflexe.  Karinas Arme und Beine waren stark verdreht, der ganze Körper schraubenartig gekrümmt. Sprechen konnte sie nicht mehr. Sie hatte das Stadium des Wachkomas erreicht. Die Kinderkrankenschwester, die mich in den Schlummerraum führte, schlug vor, Karina etwas vorzulesen. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen ging sie davon aus, dass die Zwölfjährige „alles verstehen“ würde. Mit einem aufmunternden Lächeln entfernte sie sich und zog die Tür leise hinter sich zu. Ich legte mich ebenfalls auf das sehr breite Wasserbett. Die leise Entspannungsmusik schien die Stille noch zu vertiefen. Ich nahm mein Kinderbuch „Hans-Joachim und Brigitte“ aus der Tasche und rückte dem Kind etwas näher. Bei der gedämpften Beleuchtung hatte ich Karina zuvor nur oberflächlich wahrgenommen. Jetzt sah ich in ein zartes Gesichtchen mit entspannten, ebenmäßigen Gesichtszügen. Ihr blondes Haar hatte man ihr aus dem Gesicht gekämmt. Ein kleiner Engel, dachte ich. Warum musste dieses Kind ein solches Schicksal erleiden? Ich stellte mich vor. Sodann begann ich mit ruhiger Stimme zu fragen, ob ich ihr etwas vorlesen solle. In ihren Augen, die sich kaum bewegten, sah ich keine Reaktion. Nach einer Pause hatte ich den Eindruck, dass ihre Augenbewegungen etwas lebhafter wurden. Ich fragte sie noch einmal, diesmal eindringlicher. Dabei forderte ich sie auf, bei „Ja“ die Augen fest zu schließen, bei „Nein“ zur Seite zu blicken.  Ich merkte, wie sich mein Puls beschleunigte, als ihre Augen zuerst zu flackern begannen und dann fest zusammengekniffen wurden. Ich begann zu lesen. Jetzt schien es mir, als gäbe sie sich alle Mühe, die Augen offen zu halten, damit ich nicht aufhörte zu lesen. Sie trug kleine, von der Mutter selbstgenähte Kissen in den Fäustchen, damit sich die Finger nicht übermäßig verkrampfen konnten. Ich nahm ihr ein Kissen aus der Hand und legte ihre winzige Hand in meine. So las ich weiter. Zwischendurch vergewisserte ich mich immer wieder, ob ich sie noch erreichte. „Soll ich weiterlesen?“, fragte ich das Mädchen. Sofort kniff Karina die Augen zu. Ich war glücklich.  Während des Lesens fragte ich mich, was wohl im Kopf des Kindes jetzt vorgehe. Wie nahm es mich überhaupt wahr? Ich überlegte, wie wir unsere Kommunikation noch verfeinern, noch weiter vertiefen konnten. Ich legte das Buch zur Seite und fragte sie, ob ich ihr etwas vorsingen dürfe. Keine Reaktion. Ich überlegte. Für ein Schlaflied war es noch zu früh. Also sang ich „Ein Schneider fing ´ne Maus…“, ein Lied mit unzähligen Strophen. Als ich merkte, dass Karina von Zeit zu Zeit die Augen zukniff, wusste ich, dass sie es genoss. „Na, konnten Sie Karina erreichen?“, wollte die Krankenschwester nach einer Weile wissen.  Oh ja, ich hatte sie ganz bestimmt erreicht.

Ich überfliege die Monatsschrift vom Kinderhospiz. Auf der Rückseite stehen die Namen der in diesem Monat Verstorbenen. Karina  ist nicht dabei. Ist sie schon an einem schöneren Ort? Meine Gedanken machen einen Riesensprung und befördern mich in den bequemen Sessel am Kamin des Pastors Florian.

Kamingespräche über Gott

Die neue Beziehung zur Istanbuler Kirchengemeinde hatte sich erfreulicherweise noch weiter vertieft. Ich durfte auch  Pastor Florian kennenlernen. Nach getaner Redaktionsarbeit saß ich mit Brigitte und ihm bis spät in die Nacht am Kamin. Wir tranken französischen Kognak oder deutsches Bier. Das große Erdbeben war auch Anfang Dezember 1999 noch das beherrschende Thema. Und immer wieder stand die Frage im Raum: Warum lässt Gott das zu? Ich beobachtete  mit Interesse, wie die beiden Geistlichen dieser Frage offenbar auszuweichen schienen. Und dann kam das bis dahin Unausgesprochene doch noch zur Sprache.

Es war an einem dieser Abende. Ich saß schon eine Weile mit Florian zusammen. Brigitte war für eine Abendmesse eingeteilt worden. Als sie kam, hatten wir den Eindruck, dass sie Tränen unterdrückte. Wortlos reichte Florian ihr einen Kognak, kommentarlos trank sie. Dann brach es urplötzlich aus ihr heraus.

„Ich kann nicht mehr. Das ist zu viel für mich. Was soll ich antworten auf all die Fragen? Was soll ich erwidern, wenn sie sagen: Wozu noch in die Kirche gehen, wenn Gott so brutal meine Familie auseinanderreißt? Was soll ich sagen, wenn sie ihren barmherzigen Gott einfordern?“

Ich hatte nicht den Eindruck, dass Florian eine Antwort geben wollte. Brigitte sah mich durch einen Tränenschleier hindurch an. „Felix, ich will jetzt eine Antwort hören von einem, der ganz unbeteiligt, jedenfalls nicht selbst betroffen ist.“ Damit hatte ich am allerwenigsten gerechnet. Dass die Kirchenfrau mich so überrumpelte, war offensichtlich auch Florian peinlich. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er Brigitte ein Zeichen gab. Lass gut sein, sollte das wohl heißen. Aber der Pastor befreite mich auch nicht davon, eine Antwort geben zu müssen. Nach einer Weile des Herumdrucksens kam mir der rettende Gedanke.

„Die Antwort wird dich nicht befriedigen, Brigitte, da sie das Problem nur indirekt berührt“, sagte ich vorsichtig. „Indirekt oder direkt, lass es raus“, drängte sie. Wenn ich mich recht erinnere, begann ich in etwa so:

„Wie ihr wisst, bin ich ein großer Liebhaber des Wagner´schen Musikdramas Der Ring des Nibelungen. In diesem Stück gibt es den Gottvater Wotan, der immer mit einem Speer in der Hand unterwegs ist. In diesem Speer sind die Runen der Welt eingeschnitzt, Gesetze, die er selbst geschaffen hat, die aber auch er nicht übertreten darf. Entsprechend wird auch Gott, so meine Vorstellung, bei Erdbeben oder anderen Katastrophen die Naturgesetze nicht aushebeln können oder wollen.“

Brigitte schaute mich kurz so an, als habe sie mich nicht ganz verstanden. Dann aber nickte sie erschöpft. Florian schenkte noch einmal nach. Wir wechselten schnell das Thema. Der Pastor gab bekannt, dass er zu Weihnachten nach Alanya kommen werde, um einen Ökumenischen Gottesdienst abzuhalten. Räumlichkeiten standen in einem türkischen Restaurant zur Verfügung. Ich sollte schon mal alles vorbereiten: Werbung, Tisch- und Wanddekoration, Tannenbaum usw. Am nächsten Morgen fuhr ich nach Alanya zurück. Ich wusste zu der Zeit nicht, dass ich Brigitte und Florian nie mehr wiedersehen würde.

Lesen Sie in der nächsten Folge meiner Erinnerungen:

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Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

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