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Ein Do-it-yourself-Gottesdienst

 

Rissen, 21. Juli 2015 – 16.17 Uhr

 

Wie sang doch damals Heinz Erhardt so schön: „Wenn ich einmal traurig bin, dann trinke ich ´nen Korn. Und wenn ich dann noch traurig bin…“  Wenn ich traurig bin, habe ich das Bedürfnis, der psychischen Abwärtsspirale noch einen gehörigen Schubs zu geben. Dann müssen traurige Lieder her. Am besten die „Winterreise“. Auch im Sommer – wie jetzt. Dann überkommt mich ein erhabenes Gefühl und ich gebe meiner Stimme so eine paradoxe Färbung von einem Piano, das mit einem Forte-fortissimo verschmolzen ist. Dann bin ich von meinen selbsterzeugten Gefühlen überwältigt, genau wie damals, als sich Heiligabend näherte, ein Tag, an dem ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Gottesdienst veranstalten sollte.

 

 

Ein Do-it-yourself-Gottesdienst

 

Es war eine Woche vor Heiligabend. Es herrschte immer noch winterlicher Dauerregen, als Florian mich anrief.

„Ich kann leider nicht kommen, Felix“, eröffnete er mir, „eine Gemeinde im Erdbebengebiet braucht mich ganz dringend.“ Ich bedauerte, er bedauerte. Als er schließlich im Begriff war, aufzulegen, sagte ich schnell: „Kannst Du uns vielleicht eine Videobotschaft schicken, so etwas wie eine Predigt auf Video?“ Ich merkte, wie er mit sich rang. „Ich werde es mir überlegen“, sagte er schnell und legte auf.

Schon am nächsten Tag rief ich den Pastor an. Ich hatte keine gute Nachricht. Der türkische Restaurantbesitzer mache irgendwo Urlaub und sei nicht zu erreichen, sagte ich ihm. Durch die Fenster habe man sehen können, dass noch kein weihnachtlicher Schmuck, kein Tannenbaum vorhanden sei. Ich schlug vor, den Gottesdienst in einem am Strand gelegenen Restaurant abzuhalten. Hier sei schon alles vorhanden: Weihnachtliche Dekoration, ein großer Tannenbaum und sogar eine Bühne.

Die Stimme des Pastors klang plötzlich fremd und unfreundlich. „Ich will nicht, dass meine Predigt in diesem Lokal gezeigt wird“, bestimmte er. Ich solle das von ihm ausgesuchte Restaurant in der Innenstadt nehmen oder alles absagen. Seine Video-Predigt, die auf dem Postweg sei, solle ich in diesem Fall ungeöffnet zurückschicken.

Vor meinem geistigen Auge zogen all die Vorbereitungen vorbei, die ich schon getroffen hatte: Das Drucken und Verteilen der Plakate, die musikalischen Übungen mit meinem amerikanischen Freund Donald, die Vorgespräche mit dem Restaurantbesitzer am Strand…

Ich machte einen verzweifelten Versuch, Florian umzustimmen. Ich wandte ein, dass der türkische Restaurantbesitzer unerreichbar sei, dass dieser überhaupt keine Vorbereitungen getroffen habe. Ich machte ihm deutlich, dass ich in der kurzen Zeit keine Alternative hätte und froh sein könnte, dieses Strandrestaurant zur Verfügung zu haben.

Jetzt lernte ich einen ganz anderen Florian kennen. Ich musste den Telefonhörer weit vom Ohr halten, sosehr überschlug sich seine Stimme. Seine Wortwahl war verletzend und grob. Er entzog mir das „Du“ und verbot mir, mich in dieser Sache noch weiter zu agieren. Damit war für ihn die Sache erledigt. Er knallte grußlos den Hörer auf.

Ich stand vor einem Scherbenhaufen. Sollte ich alles absagen, wie es der Pastor gefordert hatte?

Mir fielen all die Leute ein, die mir in der Stadt begegnet waren und mir ihre Freude über die bevorstehende Gottesdienst-Veranstaltung unverhohlen zeigten. Seit vielen Jahren hatte es so etwas hier in Alanya nicht gegeben. Noch am selben Tag sagte ich mir: Nein! Keine Absage. Ich trat die Flucht nach vorn an. Ich buchte verbindlich den schönen Raum im Strandrestaurant, besuchte alle Treffpunkte der Deutschen und änderte handschriftlich die Plakate ab. Der Wegfall von Florians Video-Predigt erforderte eine Änderung des gesamten Programms. Mein Team für diese Veranstaltung musste schleunigst zusammentreffen. Es waren neben meiner damaligen Frau Karen der schon erwähnte Amerikaner Donald, der in Alanya lebte und in den Hotels mit Gitarre, Geige und Trompete Live-Musik machte. Ein noch unsicherer Kandidat in diesem Vierer-Team war Detlef. Er war Frührentner, kam aus Berlin und war in Alanya Dauergast. Sein Problem: Er litt unter starken Depressionen, musste ständig Tabletten einnehmen, um den Tag durchzustehen. Ich hatte ihn schon Tage zuvor gefragt, ob er mitmachen wolle. Seine Reaktion war immer die gleiche: Er schüttelte heftig den Kopf und zuckte bedauernd die Schultern. „Du weißt ja, Felix, was mein Problem ist“, sagte er nur. Natürlich kannte ich seine Geschichte bis in alle Einzelheiten. Er hatte sich schon in den letzten Jahren kaum noch etwas in der Art zugetraut. Dabei war dieser Sohn einer Bibliothekarin und eines Pastors ein Schöngeist. Wir hatten ein tiefes Vertrauensverhältnis zueinander. Deshalb machte ich einen Versuch. „Kannst Du Dir vorstellen, Deine Grenzen einmal bei einer Probe auszutesten?“, fragte ich ihn. Nach einigem Hin und Her willigte Detlef ein.

Ich entschied, die Programm-Besprechung mit einer Probe zu verbinden, und zwar noch am selben Abend.

Donald sagte sofort zu. Karen wollte eigentlich nicht mitkommen. Es war nicht das erste Mal, dass sie an meinen Entscheidungen etwas auszusetzen hatte. Oft auch nur aus Prinzip. Wir spürten beide, dass unsere Ehe in den letzten Zügen lag. Aber diese Veranstaltung wollte sie sich nun doch nicht entgehen lassen. Also kam sie mit. Donald war wie immer als Erster da. Detlef kam zu unser aller Überraschung mit der Nachricht, dass er es probieren wolle.

Wir gingen die Programmfolge durch. Diese Veranstaltung sollte eine Mischung aus Gottesdienst, Konzert und Weihnachtsfeier werden. Mein amerikanischer Freund hatte schon fleißig deutsche Weihnachtslieder auf dem Keyboard bzw. auf seiner Gitarre geübt. Außerdem sollte er mich begleiten, wenn ich einige arienartige Weihnachtslieder von Peter Cornelius singen würde. Karen und Detlef sollten zwischen den Musikdarbietungen die Weihnachtsgeschichte vorlesen. Auch war es ihre Aufgabe, sich bei der Lesung von Psalmen und Gebeten abzulösen. Als Ersatz für das nicht vorhandene Video des Pastors war eine kleine Ansprache von mir vorgesehen. Mit Rücksicht auf die zu erwartenden unterschiedlichen Religionen war mein Vortrag mehr weltlich-philosophischer Natur. Mein Kernsatz: Wer Barmherzigkeit von seinem Gott erwartet, solle selber zuerst seinen Mitmenschen Warmherzigkeit entgegenbringen. Es klappte alles so gut, dass wir auf eine weitere Probe verzichteten.

Am Heiligabend hatte sich der Regen noch verstärkt. Auf den Straßen hatte sich eine zentimeterhohe Wasserschicht gebildet. Die Veranstaltung sollte um 16 Uhr beginnen. Schon eine Stunde vorher waren wir vier auf der Bühne und trafen unsere Vorbereitungen. Es war schon kurz vor vier, als sich noch kein Besucher blicken ließ. Dann trafen einige wenige Leute ein, frierend, teilweise durchnässt. Einige berichteten uns, sie hätten vor dem türkischen Lokal eine Menschenansammlung gesehen, die angesichts des starken Regens wieder umkehren wollte. Offenbar hatten die meisten Menschen meine Änderungen auf den Plakaten nicht mehr wahrgenommen. Sofort fuhren einige befreundete Türken mit ihren Privatwagen oder Taxen dorthin. Gerade noch rechtzeitig. Sie brachten eine fröhliche Schar von Menschen mit, die auch den allerletzten Platz besetzten. Mit halbstündiger Verspätung konnten wir beginnen.

Schon sehr schnell knüpfte sich ein wunderbares Band zwischen den Besuchern und uns Akteuren auf der Bühne. Es entwickelte sich bald so etwas wie eine andächtige Fröhlichkeit als Altbekanntes, wie die Weihnachtsgeschichte, und weniger Bekanntes, wie die arienartigen Weihnachtslieder von Peter Cornelius, dargeboten wurden. Man geizte nicht mit Applaus, insbesondere als Donald zum Schluss das beliebte „White Christmas“ sang. Die Gäste waren sichtlich froh, als sie nach Beendigung des offiziellen Teils noch zum Bleiben aufgefordert wurden. Denn da draußen regnete es in Strömen und hier war es trocken, warm und gemütlich. Es roch nach Weihnachtspunsch und Tannengrün.

Detlef, der sich mit einigen Bekannten unterhielt, rief mir zu: „Der Herr drüben möchte dich sprechen.“ Ich ging an den Tisch. Ein älterer Herr stellte sich als Pfarrer Sandle aus Bayern vor. Er bat mich, an seinem Tisch Platz zu nehmen.

„Sie haben sicherlich an dieser Art des Gottesdienstes etwas auszusetzen“, kam ich dem Kirchenmann zuvor. Er hob abwehrend beide Hände. „Aber wo denken Sie hin?“, sagte er. „Ich habe mich lange nicht so wohlgefühlt. Ich wollte den Menschen kennenlernen, der so etwas auf die Beine stellt.“ Er werde jetzt die Türkei in überaus guter Erinnerung behalten.

Am Nebentisch wurden Geschenke ausgepackt. Ich schaute mich weiter um. Tatsächlich. An jedem Tisch schien so etwas wie eine Bescherung stattzufinden. Menschen umarmten sich und hatten Tränen in den Augen. Pfarrer Sandle, der ebenfalls seinen Blick durch den Saal hatte schweifen lassen, schaute mich unvermittelt an: „Sie haben viele Menschen glücklich gemacht.“  Und damit hatte er wiederum       auch mich glücklich gemacht. Denn solche Worte aus dem Mund eines Pfarrers… Ich musste an Florian denken. Offenbar hatte ich einen Freund verloren.

Und so kam es, dass ich meine Freunde aus Istanbul, die Pastoren Brigitte und Florian, nicht mehr wiedersah. Brigitte rief mich zwar noch einmal an, aber nur um zu sagen, dass sie mir ein weiteres Zusammentreffen mit Florian nicht zumuten wolle. Damit war auch meine Mitarbeit als Chefredakteur ihrer Monatsschrift beendet.

Lesen Sie gleich weiter in der nächsten Folge meiner Erinnerungen:

Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

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