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Fernsehmoderator in einer Live-Show

Rissen, 28. Juli 2015 – 7.04 Uhr

Rumms.  Wenn Larysa die Haustür etwas forsch hinter sich zuzieht, bekomme ich regelmäßig so ein Ziehen in der Herzgegend. Dann fühle ich, dass es sie wieder einmal große Überwindung kostet, den eineinhalb Stunden langen Weg zur Arbeitsstelle anzutreten. Wir träumen seit Jahren von einer eigenen Praxis. Aber was wir bisher gesehen haben, ist keine Verbesserung gegenüber ihrer jetzigen Stellung.  Wir sind jetzt elf Jahre verheiratet, und wenn ich diese Zeitstrecke überschaue, wird mir erst richtig klar, was wir an Höhen und Tiefen haben durchmachen müssen.  Wir lernten uns über Internet-Kontakt in Kiew kennen.  Vorangegangen war ein reger Briefwechsel auf Englisch. Schließlich lud sie mich in die Ukraine ein. Ich war entsetzlich aufgeregt. Schließlich sollte ich einer Frau begegnen, die ich nur von Bildern her kannte. Und dann würde ich so Hals über Kopf in eine fremde Kultur eintauchen.  Als ich ihr gegenübertrat, war sofort die Anspannung verflogen.  Sie kam mir schmunzelnd entgegen und machte meinen „Paulchen-Panter-Schritt“ nach. Wir mussten beide herzlich lachen und lagen uns in den Armen. Die etwa sechsstündige Busfahrt nach Lutzk  war eine willkommene und ausreichende Zeit, um sich in jeder Hinsicht näherzukomme

Es folgten mehrere ihrer Gegenbesuche.  In Alanya verlobten wir uns und planten schließlich unsere Zukunft in Hamburg. Der Start in Deutschland war zunächst holperig und beschwerlich. Ich bildete die Vorhut und beschaffte uns erst einmal eine Wohnung und kaufte Möbel. Als Larysa kam, war sie eine Zeitlang sehr niedergeschlagen. Sie hatte ihre Arbeitsstelle, eine Rettungsstation, in der sie als Notärztin beschäftigt war, kündigen müssen. Viele Freunde, die ihr ans Herz gewachsen waren, musste sie zurücklassen. - Und hier in Deutschland?  Zunächst schien es so, als würde sie überhaupt nicht Fuß fassen können.  Ihre ukrainische Approbation, die Anerkennung als Internistin, all ihre Fachfortbildungszertifikate – nichts von all dem wurde anerkannt. Der Grund? Sie stammt nicht aus einem EU-Land. Nun gibt es für Larysa nichts Schlimmeres, als zur Untätigkeit verdammt zu sein. Sie bewarb sich und bekam eine Assistentenstelle in der Intensivstation des Krankenhauses Winsen. Etwas später durfte sie in der Notaufnahme des Krankenhauses Buchholz hospitieren. Aber das war ja alles nichts für eine Frau, die schon als Fachärztin tätig gewesen war. Aber es half alles nichts.

 

Sie besuchte eine Schule, um die „Gleichwertigkeit“ mit deutschen Ärzten zu erreichen und musste sich einer Prüfung unterziehen, um die deutsche Approbation zu erwerben. Auf Borkum bekam sie im Zuge ihrer Weiterbildung zur Fachärztin eine Stellung als Stationsärztin in einer Lungenklinik.  Nach dreieinhalb Jahren ging es zurück nach Hamburg, wo sie in mehreren niedergelassenen Praxen das Soll für ihre Facharztausbildung  erfüllte.

Dann endlich die Facharztprüfung und sie konnte wieder das sein, was sie in der Ukraine schon lange war: eine Fachärztin für Allgemeinmedizin (in der Ukraine hätte sie allerdings noch „und Inneres“ hinzufügen können). 

Das Ziehen in meiner Herzgegend ist verflogen.  Mir fällt nach dieser Betrachtung auch etwas Positives ein: Die langen Durststrecken und nervigen Auf und Abs haben unserer Ehe nicht geschadet.  Auch nicht angesichts meiner chronischen Erkrankung.  Natürlich hatte auch bei mir der abrupte Weggang von Alanya einige seelische Blessuren hinterlassen. Tat mir das alles nicht gut? Diese fröhlichen Menschen, das milde, warme Klima, meine herrliche Wohnung mit Blick auf den Kleopatra-Strand… Und dann noch der ganz große Knüller, als ein Fernsehsender  mir anbot, eine eigene Sendung zu moderieren.

 

Fernsehmoderator

in einer Live-Show

 

Wenn mich heute jemand  fragt, wie ich Fernsehmoderator einer eigenen Live-Show in der Türkei werden konnte, dann kann ich nur sagen: Zufall. Ich hatte wohl schon länger mit dem Gedanken gespielt, eine der zwei Fernsehanstalten in Alanya zu besuchen und meine Dienste anzubieten. Lange Zeit aber fand ich nicht die Leute, die durch ihre Beziehungen mir den Weg hätten ebnen können. Und dann saß mir kein Geringerer als der Intendant vom Alanya Television (ATV) gegenüber. Wenn ich mich recht erinnere, hat ihn mein Freund Helmut an meinen Tisch geholt, als ich wieder einmal Donalds Musikshow beiwohnte. Helmut, der in Deutschland als Ingenieur gearbeitet hatte, in der Türkei schon sehr viel länger lebte und ausgezeichnete Beziehungen besaß, bot sich als Dolmetscher an. Zunächst unterrichtete er den Fernsehmann auf Türkisch, was meine Person betraf. Was ich verstand, ließ mir das Blut ins Gesicht schießen. Ich durfte erfahren, dass ich ein „fantastischer“ Journalist sei mit großen Erfahrungen bei Presse, Rundfunk und Fernsehen. Eine Live-Sendung? Problem yok! - Was für ein Unsinn, dachte ich. Fernsehen hatte ich noch nie gemacht. Und den Rundfunk lernte ich nur kurz während meiner Ausbildung in der Akademie für Publizistik kennen. Aber eine Live-Sendung? Nein, das wäre für mich als Anfänger eine absolute Katastrophe. Selbst „alte Fernsehhasen“ haben davor großen Respekt, wenn nicht gar Angst.

Der Intendant (seinen Namen habe ich vergessen) hatte während Helmuts Ausführungen immer nur anerkennend genickt und mir freundlich zugelächelt. Jetzt wandte er sich mir kurz zu, bot mir eine Zigarette an, stand auf und schaute auf die Uhr. Er sagte noch etwas zu Helmut, was ich nicht verstand. Dann hob er zum Gruß die Hand, murmelte ein „Iyi akschamlar“ und verschwand. Als er außer Hörweite war, reichte Helmut noch die Übersetzung seiner letzten Worte nach. Sein Sender mache zwischen den Werbeblocks nur Live-Sendungen. Nicht zuletzt, weil für eine Aufzeichnung und Archivierung das Personal und die Technik fehle. Wenn ich türkische Beiträge für Deutsche aufbereiten wolle, müsse ich diese privat aufzeichnen. Auch eine  Probe beim Sender sei nicht möglich. Ich solle mir alles gründlich überlegen.

Wir bestellten uns noch ein Bier. Donald sang von dem „Girl in Kingston-Town“. Nach einer Weile des Schweigens sagte ich zu Helmut: „Ich glaube, ich muss absagen.“  Ich dachte an mein Theater in Hamburg und meine Komödie im Riviera-Hotel, die nach der Trennung von Karen nicht mehr aufgeführt wurde. Wieviel Zeit für Proben hatten wir doch für jede Produktion investiert. Und trotzdem war hier und da ein Patzer zu überstehen. Aber eine Fernsehsendung so ganz ohne Probe und live?

Helmut schien meine Gedanken erraten zu haben, denn er sagte plötzlich: „Bleib locker, Felix, ich werde dir helfen.“ Auch seine Freundin werde bestimmt mitmachen. Und dann würde er auch noch eine Nachrichtensprecherin finden. „Oder will vielleicht Deine Frau dabei sein?“  Ja, das war Helmut mit seinem ätzenden Humor. Er wusste sehr wohl, dass ich mich von Karen schon vor Monaten getrennt hatte. Ich solle „locker“ und „geschmeidig“ bleiben (seine Lieblingsausdrücke) und eine Live-Sendung im türkischen Fernsehen nicht sonderlich ernst nehmen. Hier seien Pannen an der Tagesordnung. Ich glaube nicht, dass mich das damals beruhigte.

Als Donald in der Pause an unseren Tisch kam, war Fernsehen kein Thema mehr.

Ich weiß noch, wie ich einige Tage später mit Einkaufstüten  aus dem Fahrstuhl trat und Edith begegnete. Ich lebte nämlich Tür an Tür mit der Deutschen, die mit einem Türken verheiratet war. Edith hatte wohl gerade Hausputz, denn sie wischte offenbar abschließend vor ihrer Wohnungstür.  Als sie aufschaute und mir zulächelte, projizierte ich plötzlich einer Eingebung folgend ihr schönes Gesichtchen mit den großen Augen auf einen Bildschirm. Das war es doch: Edith! Wir waren schon sehr vertraut miteinander, halfen uns gegenseitig, wo es nötig war. Und so war sie keineswegs erschreckt, als ich um ein Gespräch bat. Wir gingen in ihre frisch gewischte Wohnung, in die ich den Straßenstaub schleppte.

Edith zog mich schnell in die Küche, damit sich der Schaden in Grenzen hielt. „Hast du Lust in meiner Fernsehsendung als Nachrichtensprecherin mitzuwirken“, platzte ich heraus. Ihr Gesichtsausdruck zeigte Erschrecken, wechselte  zu Ungläubigkeit und mündete in großer Freude. Ja, natürlich wolle sie. Ein Traum gehe für sie in Erfüllung.

Nun kam die Zeit der Vorbereitungen. Wenn wir schon nicht im Studio proben konnten, mussten wir es wenigstens in unserer Wohnung tun. Um dem Ganzen ein wenig Studioatmosphäre zu verleihen, ließ ich meine Super-8-Kamera mitlaufen.  Edith korrigierte mich bei den einzelnen Moderationsabschnitten, damit ich immer nur in die Kamera schaute und nur im Notfall aufs Blatt. Ich wiederum coachte  Edith beim Verlesen der Nachrichten. Das machte uns beiden riesigen Spaß.

Helmut hatte sich als Verbindungsmann zum Sender zur Verfügung gestellt. Es war ausgemacht, dass er und seine Freundin im Regieraum den Türken zur Hand gehen würden.

Nur so war gewährleistet, dass immer die richtige Kamera aufnahm. Edith sollte zwischen meinen Moderationsthemen  immer eine begrenzte Anzahl von Nachrichten – meist Interessantes und Kurioses mit Humor gespickt – verlesen. Irgendwann liehen wir uns noch von einem Hotel schöne Möbel für unsere etwas ausgefallene Kulisse. Ich lud mir für die erste Sendung einen Internisten ein, den ich im Krankenhaus kennengelernt hatte.

Und dann war der Tag plötzlich da – viel zu früh für uns alle. Edith war noch schnell zum Friseur gelaufen und hatte sich das Haar hochstecken und Blumen hineinbinden lassen. Unsere Kulisse mit Palmen, Strand und Beach-Cocktail sollte den Zuschauern Entspannung und Wohlbefinden suggerieren. Es war Donnerstag um 21 Uhr, als wir unsere Plätze einnahmen. Der Internist links, ich in der Mitte, Edith rechts (von den drei Kameras aus gesehen). Die Sendung war für 21.30 Uhr angesetzt. Aber hier nahm man das nicht so genau. Es konnte genauso passieren, dass die Sendung plötzlich zehn Minuten früher losgehen musste. Vor uns auf dem Fußboden war ein Monitor,  auf dem wir das laufende Werbeprogramm sahen. Die Spannung war zum Zerreißen.  Dann ganz plötzlich – und einige Minuten zu früh – erklang die Erkennungsmelodie meines Magazins und der Vorspann lief ab. „FelixMagazin“ war in roten Lettern zu lesen, rechts untereinander die Worte „Meldungen – Menschen – Meinungen“.  Links daneben liefen in einer Endlosschleife Szenen aus meinem Theater. - Nicht schlecht, dieser Vorspann, dachte ich noch, als ich auch schon von meinem eigenen Bild überrumpelt wurde. Mich grinste die Karikatur eines Touristen an – mit Hawaii-Hemd, Strohhut und Sonnenbrille. Nach meinem „Willkommen bei Felix…“ fühlte ich mich genötigt, mein Outfit zu erklären, die Palmen und den Beach-Cocktail und Ediths Blumen im Haar. „…so stellen sich doch die Lieben in Deutschland unseren Alltag hier vor,“ schloss ich. In diesem Magazin würden die Zuschauer aber erfahren, wie das Leben in Alanya und Umgebung wirklich sei, versprach ich.

Diese erste Sendung verlief erstaunlich reibungslos. Nun waren jetzt noch keine Anrufer dabei, die uns vielleicht hätten aus dem Konzept bringen können. Wenn ich mir heute noch einmal  diese und jene Sendung ansehe, die ich damals auf VHS-Kassette  habe aufnehmen lassen, so kann ich auch bei all den folgenden ca. 20 Sendungen keine Pannen entdecken.  Ich hatte keine Probleme, die Alanya-Prominenz in meine Sendung zu holen. Das wiederum führte dazu, dass sich die Anrufe während der Sendung häuften.

Auch hielt mir mein kleines Team die Treue, obwohl es wegen der schon erwähnten türkischen Gesetze keine Gage gab – Treue bis zum Schluss. Und dieser Schluss wurde uns aufgezwungen. Wie in all den vorangegangenen Sendungen nahm ich in meinen Moderationen alles, was uns beschäftigte immer etwas auf die Schippe. Auch in den Texten meiner Nachrichten war immer ein wenig Satire oder Kabarettistisches dabei. Erstes Störfeuer erlebte ich nach einer Sendung, in der ich den Verkehrsminister aus Ankara „lobte“,  weil er in Gazipascha einen Flughafen hatte bauen lassen, der sich hinterher als unbrauchbar erwies. Die Start- und Landebahnen zwischen den Bergen und dem Meer waren einfach zu kurz. Ein Türke, der für den Konkurrenz-Sender in Alanya arbeitete, zeigte mich an. „Ich hätte die Türkei schlecht gemacht“, hieß es in der Begründung.

Als ich wenig später zu einem Besuch bei Larysa in der Ukraine weilte, erreichte mich Donalds Anruf.  „Felix, komm bitte jetzt nicht nach Alanya. Die Gendarmerie stand  vor deiner Tür.“  Ich ließ also die nötige Zeit verstreichen und fuhr dann doch wieder nach Alanya zurück, um meinen 60. Geburtstag vorzubereiten. Es war ein letzter, unvergessener Höhepunkt in der Türkei. In einem Musik-Restaurant, hoch auf einem Berg, feierte ich mit all meinen Freunden.  Eine Bauchtänzerin war engagiert, die Musik kam von Donald und vom Wirt, wir aßen Räucherforellen und tranken Raki. Freude pur war jedoch der Besuch von meiner Tochter Europa und meinem Sohn Gerrit. Im Gepäck hatten beide einen unvergessenen Schatz, einen musikalischen Streifzug durch mein Leben. Auf der kleinen Bühne rührten sie ein andächtiges Publikum zu Tränen. Natürlich habe ich dieses Kleinod heute noch auf Video. Titel: „Der Mann mit der Zigeunerseele…“

Ende

 

Ein Wort zu guter Letzt

Das war also meine Geschichte. Aber war sie es wirklich? Hat man nicht hier und da etwas Entscheidendes vermisst? Natürlich. Die ganze familiäre Seite – Ehefrauen, Kinder, Enkel … Um das zu vertiefen, hätte es aber eines zweiten Buches bedurft oder einer „richtigen“ umfassenden Autobiografie. Diese „Erinnerungen“ sollten sich ganz bewusst nur auf das Berufliche und auf die außerberuflichen Neigungen beziehen. Was hoffentlich auch. den Leser interessieren wird, der nicht dem Familienklan angehört.

Bleibt nur noch zu danken – meiner Ehefrau Larysa, die mich immer wieder motivieren musste, wenn ich eine schreibfaule Phase hatte. Ebenso möchte ich meinem Lektor Michael von Sehlen danken, der akribisch all das aufspürte, was ich übersah.

 

 

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Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

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