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Borkum, der 12. Mai 2009 – 12.50 Uhr

Heute ist der Tag, an dem die Ernte eingefahren wird. Die Schinderei von einem halben Jahr, die Arbeit mit zehnjährigen Monstern soll sich nunmehr auszahlen. Es war im Herbst vorigen Jahres, als mich der Leiter der Grundschule Borkum bei meinem Hausarzt ansprach. Er habe von meinen Ambitionen für das Theater gehört und erlaube sich zu fragen, ob ich nicht an seiner Schule eine Theater-AG für seine „Großen“ ins Leben rufen wolle. Spontan wie ich bin, sagte ich zu. Ich hatte noch nie mit Kindern dieses Alters gearbeitet, also wusste ich auch nicht, was auf mich zukam.

 

Die 26 Mädchen und Jungen, die am 17. November 2008 um 14.30 Uhr ihren Dienst in der Theater-AG antraten, erhielten zunächst einen Klebestreifen mit ihrem jeweiligen Vornamen in riesigen Lettern auf der Brust. Doch wenn ich glaubte, das Merken der vielen, teilweise ungewöhnlichen Namen werde das einzige Problem sein, so musste ich bald meinen Irrtum einsehen. Der Geräuschpegel war das größere Übel. Nein, das war kein Geräusch! Das war Krach in höchster Vollendung. Mir kam der Gedanke, dass die keinen Racker wohl nicht ausgelastet genug waren. Ich führte ihnen vor Augen, was ich in nächster Zeit von ihnen erwartete: Sie mussten mir zunächst vorsingen oder vorsprechen. Das schien Spaß zu machen. War es doch so etwas wie Casting im Fernsehen.  Konzentration auf Sketche und Lieder machte den Jungen auf Dauer nicht so viel Spaß wie Fußball spielen. Andere fanden andere Hobbys dann doch attraktiver, und so schrumpfte die Gruppe auf die Hälfte zusammen, ohne dass ich mit einem Lied, einer Szene oder gar mit einem ganzen Sketch hätte beginnen können. Mit den Kindern, die an diesem Übungsnachmittag – es war immer der Montag – nicht gerade etwas Anderes vorhatten, konnte ich nur Warm-up-Theaterspiele machen. Alles schien wichtiger zu sein, als die Theater-AG: Irgendeine Insel-Feierlichkeit, die Fahrt zum Festland, Omas Geburtstag usw. Es gab Montage, da stand ich ganz allein im Raum 8 und fragte mich, was ich hier eigentlich machte, warum ich mir das antat. Dann entschloss ich mich, die Not-Reißleine zu ziehen. Ich verkündete mit dem nötigen Ernst, dass jeder aus der Gruppe ausgeschlossen werde, der unentschuldigt der Probe fernbleibe. Einige Mädchen und Jungen wurden daraufhin ausgeschlossen. Die elf verbliebenen Kinder schienen die Erleichterung mit mir zu teilen. Was übrig geblieben war, entpuppte sich als eine verschworene Gemeinschaft. Es war wieder Ruhe eingekehrt, und wir konnten mit der eigentlichen Arbeit beginnen. Es dauerte wieder eine lange Zeit, bis von den kleinen Mimen eingesehen wurde, dass nicht jede Rolle zu jedem Kind passte. Die notorische Vergesslichkeit der Neun- und Zehnjährigen versuchte ich dadurch zu kompensieren, dass ich alles – fein säuberlich mit dem PC zusammengestellt – ausdruckte und verteilte: Termine, Rollentexte, Szenenfolgen, Liedertexte, Kassetten zum Üben usw. Leider ging von einer Woche zur nächsten immer wieder der größte Teil verloren, war unauffindbar und unwiederbringlich. Ich musste also weiterhin drucken, bis mir das Papier ausging. Die Gleichgültigkeit war einfach nicht zu besiegen. Ein anderer Wind wehte plötzlich, als der erste Aufführungstermin feststand. Lampenfieber war zu spüren. Plötzlich wurde die Sache sehr ernst genommen. Es kam auch kein Protest, als ich mehrere Sonderproben einschob. Und schließlich war die ganze Aufführung so perfekt vorbereitet, dass ich mich um nichts weiter als um die Musik kümmern musste. Dann kam die erste Aufführung für die unteren Klassen. Der Saal war gerammelt voll. Und „meine“ Kinder bekamen Muffensausen. Einige verkrochen sich in eine dunkle Ecke des Umkleideraumes. Andere bekamen rote Flecken im Gesicht und stammelten Unverständliches. Wieder andere wurden hysterisch und fingen an zu schreien. Ich musste durchgreifen. Ich sammelte sie alle wieder ein und zählte durch: Sie waren noch vollzählig. Dann nahm ich jedes Kind einzeln beiseite, sprach ruhig auf ihm ein und fühlte den Puls. „Dein Kreislauf ist stabil. Du wirst Deinen Text beherrschen,“ suggerierte ich. Es klappte alles phantastisch. Puh! Im Nachhinein muss ich gestehen: Ich habe mich noch nirgendwo so tief reingehängt. Und das alles ohne Honorar! Wenn ich da an mein erstes Honorar denke…

 

Das erste Honorar

Der pubertierende Dorflümmel kam in die Großstadt. Um zunächst sein Bildungsniveau zu erhöhen. Nachdem das nach weiteren drei Jahren durch den Besuch weiterführender höherer Wirtschaftsschulen gelungen schien, sagte man mir, ich sei reif für das Bankwesen. Ich willigte mit einigem Stirnrunzeln ein. Eine Hamburger Kleinbank war es, die mir den Unterschied zwischen Allonge und Prolongation beibrachte. Richtig begeistern konnte mich aber erst unser Betriebsfest im Garten des Chefs. Das Steckenpferd dieses Mannes mit den jüdischen Vorfahren war das Wissensquiz. Schon bei meinem Einstellungsgespräch schockierte er mich mit Fragen wie „Wer war in der Verteidigung der WM-Elf von 1954 aufgestellt?" Oder: „Wiegt ein Erstgeborenes mehr als ein Zweitgeborenes?"  Oder:  „Gibt es Unterschiede zwischen den Eisenbahnschienen Europas und dem Ostblock?" Mit meinem damaligen Wissen war es mir nicht möglich, all diese Fragen erschöpfend zu beantworten. Dass ich schließlich doch eingestellt wurde, verdankte ich dem Umstand, dass ich zu seiner maßlosen Verblüffung auf die etwas schwammige Frage nach dem Sinn des Lebens wenigstens aus philosophischer Sicht einige Auskunft geben konnte. Also hatten sich meine Diskussionszirkel, die ich damals mit Eifer besuchte, doch gelohnt.

Im Garten des Chefs wiederholte sich ein - wie man mir sagte - jährlich immer wiederkehrender Brauch. Nach gutem Essen und reichlich Bewegung im Garten versammelte sich das rund 20köpfige Personal um den Chef. Rechts von diesem saß sein Hauptkassierer mit einer schwarzen, prall gefüllten Tasche: das Bargeld für die Preisverleihung. Ich punktete wieder mit meiner Philosophie und nahm so gegen Mitternacht das Monatsgehalt eines Bank-Azubis mit nach Hause. Das war es aber nicht, weshalb ich mich an diesen Tag noch heute so genau erinnere. Ich erhielt nämlich mein erstes Honorar als Sänger in Form einer Goldmünze. Und das kam so. Als nach dem ertragreichen Quiz die Wellen der Ausgelassenheit hoch schlugen, rief einer in das Stimmengewirr hinein: „Felix soll singen!" Plötzlich wurde es ganz still. Alle blickten mich an. Einige verständnislos, andere heftig nickend. „Wenn er im Postversand die Briefe frankiert, schmettert er seine Arien, dass man es im Kassenraum hören kann", gab ein anderer zum Besten. Ich hatte noch nie öffentlich gesungen. Mein Herz schlug bis zum Halse. Am  liebsten hätte ich mich  in ein Mauseloch verkrochen. Aber es half nichts. Ich sang „Granada", ein Lied, von dem ich heute lieber die Finger lassen würde.  Meine Kollegen rasten vor Begeisterung. Nachdem sich der Beifall langsam gelegt hatte, stand unser Börsenchef auf, zog etwas verlegen einen ledernen Beutel aus der Tasche und überreichte mir eine Maria-Theresia-Münze. Diese trug ich viele Jahre an einer Halskette, bis ich sie meiner ersten großen Liebe schenkte.

Es gehörte zum guten Brauch, dass man nicht allzu lange bei einer Kleinbank blieb, sondern seinen Horizont bei einer Großbank erweiterte. Und so landete ich am Hamburger Jungfernstieg. Meine Gesangsstudien, die ich während meiner Lehrzeit mangels finanzieller Möglichkeiten nur mäßig wahrnahm, konnten jetzt intensiviert werden. Ich schulte meine Stimme fortan nicht mehr in der Rotenbaumchaussee, sondern am vornehmen Alsterufer. Jetzt nahm mich ein noch aktiver Opernsänger unter seine Fittiche.

Ich war damals mit Wolf befreundet, einem Sängerfreund, der zu seinem Leidwesen auch in einem kaufmännischen Beruf tätig war. Da wir beide in Etagenwohnungen lebten, wo Nachbarn  unsere Art des Gesangs nicht schätzten, taten wir uns zusammen, um wenigstens unsere Pflichtübungen zu erfüllen. Das ließ sich  nicht selten nur im Stadtpark oder in irgendeiner Kirche realisieren. Zu Hause übte man durchaus auch mal in einem geschlossenen Schrank.  Und so fieberten wir immer den damals üblichen Sängerwettbewerben entgegen. Wolf, der schwarze Bass, und ich, der lyrische Tenor, räumten ständig die ersten Preise ab. Interessanterweise ließen uns Elvis und die Beatles, die zu der Zeit Hochkonjunktur hatten, völlig kalt. Zunächst jedenfalls. Unsere Helden und Heldinnen waren Mario del Monaco, Mario Lanza, Giuseppe di Stefano, Maria Callas oder Renata Tebaldi. Manche Woche verbrachten wir mehr in der Hamburger Staatsoper als zu Hause.

Die Großbank, in der ich in dieser Zeit arbeitete (es war der Herbst 1965 und Albert Schweitzers Tod hatte die Welt berührt),  war mir von Anfang an suspekt. Zu viel Spezialisierung und Unübersichtlichkeit. In der großen Hektik, die das Arbeitsleben bestimmte, spürte man zudem die Ellenbogen der Kollegen. Ich hatte mich für die Wertpapierabteilung beworben, landete aber ungewollt im Sortenbestand. Fortan hörten Dollar, Franken und englische Pfunde auf mein Kommando. Meinem Schreibtisch gegenüber saß Fräulein M., eine dürre, lange Altjungfer mit einem Pferdegesicht. Wir verstanden uns überhaupt nicht.

Der Tag, von dem ich erzählen möchte, fing schon düster an. Fräulein M. hatte wieder ihren zickigen Tag. Ständig entblößte sie ihre spitzen langen Zähne und lästerte über irgendwelche Kollegen.  Das war insofern nervig, als man sich beim Geldzählen unbedingt konzentrieren muss. Also sehnte ich mich nach dem Feierabend. Keine Chance.  In meiner Dollar-Kasse fehlte ein Tausender. Wohlgemerkt: Für einen Dollar bekam man damals 4,80 DM. Das hatte mir die Pferdegesichtige eingebrockt! Sie hatte nämlich die Aufgabe, den Inhalt meiner Versandtüten (mit denen wir unsere Filialen belieferten) nachzuzählen, abzuzeichnen und zuzukleben. Ich wusste, wohin an diesem Tag die Dollar-Sendung gegangen war, nämlich nach Wilhelmshaven. Ein Anruf genügte und der Fall war geklärt. Das war aber nicht die Vorgehensweise eine Großbank, die auf Einhaltung der Organisationsrichtlinien (ORL) und Identifizierung eines Sündenbocks pochte. Am nächsten Morgen stand erwartungsgemäß die gefürchtete Revisionsabteilung auf der Matte und drehte noch einmal jeden meiner Scheine um. Dann wurden Fräulein M. und ich in die Vorstandsetage bestellt. Eine schwarz gekleidete Direktorenriege saß uns gegenüber. Der Vorsitzende verlas die Anklageschrift:

Hauptangeklagter: Herr Bendig, Zeugin: Fräulein M. Vergehen: Sträfliche Missachtung der Organisationsrichtlinien. Es folgten die Erläuterungen dieser Richtlinien, die er aus einem riesigen Buch vorlas. Dann nahm er seine Brille ab und blickte mich an, als sei ich ein gefährliches Insekt: "Haben Sie noch etwas zu sagen? Aber fassen Sie sich kurz." Ich war einigermaßen verblüfft darüber, dass man mich anstelle des Altfräuleins zum Sündenbock machen wollte. Zum Glück hatte ich mich am Vorabend ahnungsvoll auch auf das Unerwartete vorbereitet. Schon damals hatte ich die Angewohnheit, solche Auftritte genauestens vor dem Spiegel einzustudieren. Und so fasste ich mich keineswegs kurz, sondern spulte das Einstudierte rücksichtslos ab. Vom Heben und Senken der Stimme über das leidenschaftliche Zitieren der ORL bis hin zur entscheidenden Schlussoffensive. "Und darum wünsche ich, dass Sie mich in eine andere Abteilung versetzen."  Da war einer, der sich nicht entschuldigte, sondern auch noch Forderungen stellte. Unfassbar! Die Pinguine am langen Vorstandstisch waren einigermaßen ratlos. Dem Altfräulein M. wollte man nicht zu nahe treten, schließlich hatte sie ein halbes Leben bei dieser Bank verbracht, gehörte eigentlich schon zum Inventar. Aber auch mir konnte man nichts anhaben. Und so zogen sich die Finanzgewaltigen murrend zurück.

Noch in der gleichen Woche wurde ich in die Hauptbank-Kontroll-Abteilung versetzt. Nun war auch ich ein "Sheriff", wenn auch ein kleiner. "Weil Sie die Organisationsrichtlinien so gut beherrschen", ließ mir der Vorstand durch meinen neuen Abteilungschef mitteilen. Es war die Zeit, als die Briten um den verstorbenen Sir Winston Churchill trauerten. Noch im selben Jahr 1965 traten die Beatles in New York auf.  Es war das bis dahin größte Ereignis in der Rockgeschichte.

Aber das interessierte mich nicht im Geringsten. Mich interessierte nur der Gesang oder die Bank. In der  Hauptbankkotroll-Abteilung bekam man bestimmte Sonderaufgaben, ganz wie bei der Kripo. Ich hatte die „SOKO Wertpapierdifferenz" zu leiten. Bei der Bilanzierung war ein Minus von 50 000 DM aufgetreten. Die Obersheriffs aus der Revisionsabteilung waren bereits an dieser Aufgabe gescheitert. Mein Sonderauftrag lautete: Mit einer Kompanie von Pedanten einen mehrere Meter langen Ordnerschrank zu durchforsten. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass diese Vorgehensweise zu nichts führen würde. Also ließ ich meine Kollegen weiter jeden Beleg umdrehen, während ich mich intuitiv über das Zahlenwerk der Revisionsabteilung hermachte. Und siehe da: Die Obersheriffs hatten sich genau um 50 000 verrechnet. Mein Abteilungsleiter klatschte sich vor Begeisterung auf die Oberschenkel. Welch eine Sternstunde! Schon lange hatte er sich gewünscht, die hochnäsigen Revisoren einmal in die Knie zu zwingen. Er beauftragte mich, ein Protokoll anzufertigen. Eine Kopie war für die Vorstandsetage bestimmt. Die Wirkung war verheerend, zumal mein Bericht in einem angemessen scharfen Ton abgefasst war. Die Obersheriffs, die mich kürzlich noch wegen der verschwundenen Tausend-Dollar-Note in die Mangel genommen hatten, mussten jetzt einzeln und in Gruppen die Missbilligung der Direktoren über sich ergehen lassen. Was mich betrifft, so waren die Finanzlenker aus der obersten Etage in einer misslichen Lage. Ich hatte das Ansehen der ehrwürdigen Revisionsabteilung beschmutzt. Sollte man mich unter irgendeinem Vorwand vor die Tür setzen? Das wagte man wohl nicht. Andererseits wollte man „Bombenleger“ (so bezeichnete mich später mein Chefredakteur) wie mich nicht länger dulden. Man entschied sich für eine Beförderung. Ich hatte fortan die Innenleitung einer Zweigstelle zu übernehmen. Nun war ich weit genug weg von der Hauptbank und konnte keinen Streit mehr in die Abteilungen bringen. Umstritten aber blieb das dritte Tor, das bei der VIII. Fußball-Weltmeisterschaft (Deutschland gegen England) am 30. Juli 1966 in London der deutschen Nationalmannschaft nicht gegeben wurde. War der Ball über der Linie?

 

Weiter geht es in meinen Erinnerungen mit:

 

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Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

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