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Meine erste Ehefrau und die wilden 60er Jahre

Hamburg – UKE, den 18. Februar 2013

13.25 Uhr

Ich habe meine Augen geschlossen. Die erste Neugier ist ja befriedigt. Fast bin ich – wie so oft – auf der harten Behandlungsliege eingenickt - in einem von Neonlicht durchfluteten Raum. Neben mir ein monströses Sonografie-Gerät. Das habe ich alles schon unzählige Mal zu Gesicht bekommen. Manchmal lag ich in der CT- oder MRT-Röhre. Dann wieder war Nuklear-Medizin angesagt und ich steckte in einem beängstigend engen Knochenszintigrafen. Und immer dieses begleitende lähmende Unbehagen: Wie wird dieses Mal die Diagnose ausfallen? Sind weitere Metastasen hinzugekommen. Oder steht gar ein Super-Gau vor der Tür – die todbringende Metastasen-Explosion?

Eine sympathische weibliche Stimme weckt mich. Beim Öffnen der Augen gewahre ich, dass ihre Erscheinung ebenso sympathisch auf mich wirkt wie ihre Stimme. Es ist die Oberärztin, ein südländischer Typ mit feinen Gesichtszügen und dunklen Augen.

Ich muss meinen Leib von der Hüfte bis zum Kinn freilegen. Dann fährt sie mit ihrem Gel-kalten Applikator über meine Haut.

Sie sagt nicht viel. Aber was sie sagt, verwirrt mich.

„Sie sind sehr schlank“, stellt sie fest, ohne den Blick vom Monitor wegzunehmen. Meint sie vielleicht meine Organe? Und dann völlig überraschend: „Welches Parfüm benutzen Sie?“  Ich will schon umständlich erklären, dass ich den Namen des Parfüms vergessen habe, da muss sie schon wieder etwas wissen. „Sind Sie eigentlich verheiratet?“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, fährt sie fort: „Nach meiner Erfahrung benutzen verheiratete Männer kein Parfüm.“  Sie sagt das mit einer solchen Selbstsicherheit, die keinen Raum für eine abweichende Meinung zulässt. Außerdem habe ich das Gefühl, dass mich ihre dunkle Stimme etwas betäubt hat. Jedenfalls brauche ich einige Sekunden, um mich aus meiner selbst verordneten Defensive zu befreien.

„Ich bin zum dritten Mal verheiratet“, stoße ich etwas überhastet hervor.

Sie schweigt. Offenbar hat sie sich an meiner linken Niere dort auf dem Bildschirm festgebissen. Ist da etwa… Nein, nicht daran denken.

Dann wendet sie mir unvermittelt ihr schmales Gesichtchen zu und schüttelt leicht den Kopf. Sie sagt mit ihrer dunklen, emotionslosen Stimme: „Drei Frauen und ein fortgeschrittener Krebs. Sie sehen nicht so aus, als hätten Sie das alles wirklich durchgemacht!“

Ich denke noch über den letzten Satz der attraktiven Oberärztin nach, während ich dem Ausgang der Klinik zustrebe. Was hat sie bloß für ein Frauenbild? Und was habe ich so Schreckliches durchgemacht? Während ich den Bus besteige, um nach Hause zu fahren, gehen meine Gedanken zurück in die 60er Jahre. Alles andere als „schrecklich“ waren die Anfangsjahre mit meiner ersten Frau. Sie waren eher ein einziger Rausch…

 

Die erste Ehefrau

und die wilden 60er Jahre

Ich zählte 26 Lenze und hatte eine junge Frau namens Christel kennen gelernt, mit der ich mein restliches Leben verbringen wollte. Was in solchen Fällen äußerst selten vorkommt: meine Verwandten und Freunde rieten mir ab. Und zwar dringend. Begründung: Das seien zwei Welten, die nicht zusammen passten. Meine damalige Freundin und heutige Exfrau (es folgten noch zwei weitere Ehen) ist nämlich gehörlos. Wir heirateten trotzdem. Ich machte mir nichts daraus, dass sie nicht hören konnte. Und sie störte keineswegs, dass ich gerade einen Bombenjob bei der Bank aufgegeben hatte, um Journalist zu werden. Diese erste Ehe war so ungewöhnlich wie mein ganzes Leben. Die Gehörlosigkeit meiner Frau bedeutete für mich keineswegs irgendeine Einschränkung in meinem Leben, sondern eher eine Bereicherung. Ich lernte die Gebärdensprache und stieß auf tausend Dinge, die ich früher nie beachtet hatte. Das Eheglück war unbeschreiblich. Ich hatte mich ohne große Erwartungen  bei einer Hamburger Zeitung als Volontär beworben. Da ich kein Passbild zur Hand hatte, legte ich einfach ein Hochzeitsfoto bei. Die Sache schien ohnehin aussichtslos, also warum dann nicht einen kleinen Gag machen? Ich war ja nur einer von unzähligen Bewerbern, die alle sicher allerbeste Voraussetzungen mitbrachten. Aber den Zuschlag bekam ich.

Es war die Zeit der 68er, der Studentenunruhen. Ein Mordanschlag auf Rudi Dutschke, dem Vorsitzenden des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, wurde verübt. Meine Frau und ich schlossen uns einigen Redakteuren an und beteiligten uns an einem Sternmarsch auf Bonn, um gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze zu protestieren.

Mein Chefredakteur hatte kein Verständnis für solche „linken Spinnereien". In der Redaktion gehörte ich einer Gruppe an, die gemäß dem damaligen Trend Radaktionsstatuten ausarbeitete. Das Ziel war das Mitspracherecht der Redakteure bei der inhaltlichen Gestaltung der Zeitung und bei Personalentscheidungen. Also so etwas wie ein Betriebsrat, der sich gegenüber irgendeiner Mediengewerkschaft verpflichtet fühlt. Natürlich wurde nichts daraus. Wie auch. Willi Brandt, der erste sozialdemokratische Kanzler in der Geschichte der Bundesrepublik mit seiner sozial-liberalen Koalition brachte nach Meinung des Chefs schon genug Unheil über die Republik.

Ich schrieb und schrieb. Recherchierte und schrieb. Über Goldene Hochzeiten genauso gewissenhaft wie über Kaninchenzuchtvereine und Schützenfeste. Alles ist wichtig, sagte ich mir. Nur nicht mehr zurück zu den seelenlosen Bankschaltern und Tresoren. Gierig wie ich war, sog ich tagtäglich mit großem Genuss die Atmosphäre rund um Redaktion und Setzerei im mich auf. Es war die Zeit, als die Buchstaben noch in Blei gegossen wurden, als Schriftsetzer an monströsen Maschinen saßen und Metteure neben Redakteuren die Seiten bastelten. Eine neue, faszinierende Welt hatte sich für mich aufgetan. Jede noch so nichtige Kleinigkeit hatte sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Jahrzehnte später war ich reif genug, mit dem nötigen Abstand dieses Milieu in einem Buch wiederzugeben. In dem Roman „Die 13 Tage nach der Hinrichtung" verband ich selbst Erlebtes und Erdichtetes. Hier ein kleiner Ausschnitt…

 

Der sonst so stille und ernste Breitenbach begann zu toben, wenn manchmal Hunderte von Zeilen in den Bleiabfalleimer geschoben werden mussten. Und dann erst die Überschriften. Natürlich passten auch die nicht. Jeden Tag musste der arme Mensch zur Redaktion hinaufklingeln: "Herr Regenstein, Ihre Überschrift... wollen Sie eine andere Schrift oder einen anderen Text  wählen?" Nach einiger Zeit des stillen und lauten Grollens entschied der Metteur, die Sache selbst in die  Hand zu nehmen. Er berechnete anhand seines eigenen Typometers die Schriftgröße und änderte auch hier und da mal den Text ab. Das wiederum brachte ihn, Regenstein, in Rage. Seit wann griff ein Metteur in das Layout ein? Spielte sich als Redakteur auf? Er, Regenstein, durfte sich ja auch nicht erlauben, auch nur eine Zeile Blei anzufassen. Ein ungeschriebenes Gesetz!

 

Was war in dieser Zeit des Volontariats für mich herausragend? So paradox das klingt: Es war der Stress - oder besser: Eustress. Positiver Stress also, der nicht schadet, sondern beflügelt. Ich war nicht einen Tag krank, obwohl  mein Arbeitstag in aller Frühe begann und erst gegen Mitternacht endete. Schon um 5 Uhr stand ich auf. Eine Stunde später saß ich am Redaktionstisch, redigierte, recherchierte, schrieb und schrieb. Ich wurde als „Feuerwehr" für Unfälle und andere Ereignisse eingesetzt. Gegen Mittag nach Andruck nahm ich größere Termine war. Es hatte sich herumgesprochen, dass ich für Medizin Interesse zeigte. Ich musste wohl irgendeinem Kollegen mal anvertraut haben, dass ich einige Semester als Gast Medizin studiert hatte. Andererseits zeigte kein anderes Redaktionsmitglied die nötige Begeisterung, diesen Themenbereich abzudecken. Ich besuchte Pressekonferenzen von Ärzte- und Kassenverbänden, war auf Messen, Kongressen und Vorträgen. Nicht alles Dargebotene war mir verständlich. Ich hatte das Bedürfnis, noch tiefer in die Materie einzudringen. Und so meldete ich mich heimlich bei der Akademie für Naturheilkunde (Heilpraktiker-Fachschule) an. Es war eine Abendschule, die ich gerade noch  mit meinem Tagesplan vereinbaren konnte.

Die Heilpraktiker-Schulen hatten damals keinen guten Ruf. Sie waren mehrheitlich kommerziell ausgerichtet und bildeten wie am Fließband aus, warfen jährlich Hundertschaften von Möchtegern-Mediziner auf den Markt und interessierten sich kaum dafür, ob die Prüfung vor dem Gesundheitsamt auch bestanden wurde. Bei meiner Akademie handelte es sich um eine staatlich anerkannte so genannte Ergänzungsschule, die auch für Umschulungen vom Arbeitsamt oder von der Bundeswehr empfohlen wurde. Scheinbar hatte ich mit meiner Redaktionsarbeit, den vielen Terminen, der Abendschule und nicht zuletzt meiner Familie nicht genug „an den Hacken". Ich ließ mich auch noch zum Pressesprecher der norddeutschen Heilpraktiker-Verbände wählen. Nach Beendigung meiner Volontärzeit stellte mich die Schulleitung als Dozent für die Fächer Anatomie, Neuraltherapie und Psychotherapie ein. Ich „tanzte" also auf mehreren Hochzeiten.

 

Lesen Sie in meinen nächstfolgenden Erinnerungen:

Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

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