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Rissen, den 24. Febr. 13 -19.10 Uhr

„Weiche, Wotan, weiche, flieh des Ringes Fluch!“, singt beschwörend die Gemahlin auf den Gottvater ein. Aber Wotan will sich vom Ring, auf dem ein fürchterlicher Fluch lastet, nicht trennen. Beide zerren wie wild an dem Hula-Hopp-Reifen. Diese kleine Szene von halbwüchsigen Mädchen mit ausgebildeten Opernstimmen im Opernloft gespielt, erfreute auch meine Enkel Niki und Peat sowie Larysa und ihre Mutter Irina, die bei uns für ein Vierteljahr einquartiert ist. Wie vertraut waren mir all diese Szenen! Ich dachte unwillkürlich an Wolf, der mit mir Gesang studierte – auch noch bei demselben Gesangslehrer. Wagners „Ring des Nibelungen“ hatten wir gemeinsam oft besucht. Und nach der Vorstellung suchten wir ebenso oft den menschenleeren Stadtpark auf, um unsere Arien ungestört schmettern zu können. Dann sang ich nicht selten die romantische Siegmund-Arie „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ und Wolf, der Bass, irgendeine Wotanszene. Aber diese vier Mädchen, die Wagners 16-Stunden-Musikdrame auf 75 Minuten zum „Kleinen Ring“ für Kinder komprimiert hatten, erinnerten mich auch an jene Zeit, als ich selbst zum ersten Mal die „Bretter der Welt“ entdeckte. Damals wurde ebenso improvisiert, wie hier, wo ein bescheidenes Kinderzimmer die Kulisse für das weltgrößte Musikspektakel bildete. Ich dachte an unser erstes selbst gegründetes Theater. Ich erinnerte mich an die „Hamburger Sprech- und Gebärdenbühne“.

 

 

 

Die Hamburger Sprech-

und Gebärden-Bühne

Meine gehörlose Frau und ich hatten ein bundesweit (vielleicht sogar weltweit) noch nie da gewesenes Theater gegründet. Meine Familie zählte inzwischen fünf Personen. Es waren zwei Töchter und ein Sohn herangewachsen. Meine Frau begleitete die Kinder in der Vorweihnachtszeit in das eine oder andere Weihnachtsmärchen, ohne als Gehörlose selbst etwas von der Vorstellung zu haben. Das machte uns nachdenklich. Warum konnten beispielsweise gehörlose Kinder mit ihren zum Teil hörenden Familienmitgliedern nicht gemeinsam eine Theatervorstellung genießen?  Die reinen Gehörlosentheater, wo nur gebärdet wurde, waren nichts für Hörende. Andererseits fanden Gehörlose keinen Genuss in der hörenden Theaterwelt. Es musste einen dritten Weg geben. Eine Idee wurde geboren: die totale Kommunikation. Lautsprache, Gebärde, Körpersprache, Pantomime, Musik und Tanz… Ja, das war es!  Wir erlebten Jahre später, dass sogar ausländische Kinder, die noch kein Wort Deutsch sprachen, der Vorstellung ohne Schwierigkeiten folgen konnten. Aber zunächst mussten wir einen schwierigen Weg beschreiten. Es stellten sich nämlich keine Schauspieler zur Verfügung. Ihnen erschien die Aufgabe zu schwer. Und in der Tat: Was wir von den Schauspielern verlangten,  war so etwas wie gleichzeitiges Seiltanzen, Jonglieren und Singen. Wir ließen uns nicht entmutigen. Nachdem wir wenigstens zwei Gehörlose für unseren Plan gewonnen hatten, besetzten wir alle anderen Rollen mit sämtlichen Mitgliedern meiner Familie. Wir führten das Grimm´sche Märchen „Rumpelstilzchen" auf. Was nach unserer Planung nicht mehr und nicht weniger als ein Versuchsballon sein sollte, machte bundesweit Furore. Wir konnten uns vor Terminen nicht mehr retten. Wir kauften uns einen Kleinbus - hinten die Kulissen, in der Mitte die Schauspieler und ganz vorn die Verantwortlichen. Jedes Wochenende waren wir in einem anderen Gehörlosenzentrum, sogar im deutschsprachigen Ausland. Der Bayrische Rundfunk strahlte in der Sendung „Sehen statt Hören" einen Zusammenschnitt unserer Aufführungen aus. Es folgte das Kriminalstück „Mord in Ulm" nach der gleichnamigen Romanvorlage. Weitere Grimm´sche Märchen wurden inszeniert, so „Der gestiefelte Kater". Dann „Hänsel und Gretel" nach Humperdinck für die ganze Familie mit viel Gesang und Tanz. Etwas ganz Besonderes stellten wir mit „Die Schöne und das Tier" auf die Bretter. Es handelte sich hier um ein Märchenmusical mit selbst komponierten Liedern und Musikstücken. Der Kopf des Unternehmens war nach außen hin meine gehörlose Frau. Mir fiel der Rest zu. Ich schrieb die Texte, entwarf die Szenen, führte Regie, übernahm irgendeine Rolle und organisierte die Tourneen.

 

Und so geht es weiter in meinen Erinnerungen. Mein nächstes Kapitel:

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Felix H. Bendig, Medizinjournalist, Mentaltrainer und Buchautor

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